Alexander Gulcz, Head of Partnership bei Airbank
MITTELSTAND / BRANCHEN

Cockpit für Finanzen

Das Berliner Fintech Airbank vereinfacht das Banking für kleine und mittelständische Unternehmen mit einer Art Konto-Cockpit: Finanzverantwortliche sollen mit der Anwendung mehr Zeit für inhaltliche und strategische Arbeit gewinnen. Voriges Jahr gegründet, zählt das Start-up bereits mehr als 1000 Kunden und Kundinnen. Und weiteres Wachstum ist programmiert: Gerade erhielt Airbank in einer Series-A-Runde weitere rund 20 Millionen Euro.

„Airbank“ – der Name des jungen Fintechs aus Berlin klingt ein wenig nach Flugreisen, nach einem Trip über den Wolken, wo die Freiheit wohl grenzenlos und die Welt sehr übersichtlich ist. Diese Anspielung ist vielleicht kein Zufall und passt perfekt: „Wir sind“, sagt Alexander Gulcz, Head of Partnership bei Airbank, „das Finanz-Cockpit für Unternehmen.“

Airbank versteht sich nicht als eine neue Bank – sondern als Vereinfacher der oft verzweigten Bankgeschäfte junger, kleiner und mittelständischer Unternehmen, die über keine große Finanzabteilung verfügen und ihre Geldangelegenheiten mitunter abends oder am Wochenende erledigen. Ihnen will Airbank helfen, mit einer Software für intelligentes Finanzmanagement, das in einem Dashboard jederzeit den Überblick über alle Bankkonten und Geldströme des Unternehmens behält: Cashflow, Liquidität, Kredite, Ein- und Ausgänge, Währungen. Mehr als 2000 Banken in Europa, so Gulcz, seien mittlerweile an das Airbank-System angeschlossen. Die Software as a Service gibt es als einfache kostenlose Variante sowie als professionellere Pakete.

„Unsere Software hilft dabei, alle täglichen Finanzprozesse einfach und schnell abzuwickeln“, sagt Gulcz, der für Airbank die Kontakte zur Öffentlichkeit hält. „Die für Finanzen zuständigen Mitarbeiter eines Teams gewinnen damit Zeit für Aufgaben der Unternehmensentwicklung, für Marktbeobachtung, genauere Kalkulationen und die Vorbereitung zentraler Entscheidungen. Sie werden vom Verwalter zum Gestalter.“

Airbank-Gründer Christopher Zemina (li) und Patrick Patrick de Castro Neuhaus (re)
Internationales Team - die Airbanker

Der 27-jährige Jungmanager kennt die Nöte von Gründerinnen und Gründern, die ihre Finanzströme auf Nachfragen von Bankern nicht immer komplett überblicken oder keine betriebswirtschaftliche Ausbildung haben. Als gelernter Bankkaufmann hat Gulcz Erfahrungen in der Betreuung von KMUs gesammelt. Zudem verfügt er seit Jahresbeginn über einen Master für General Management der renommierten Leipziger Wirtschafts-Hochschule HHL.

Auch die eigentlichen Airbank-Gründer Christopher Zemina und Patrick de Castro Neuhaus kennen den Bedarf vieler kleinerer Unternehmen und beschlossen, ein einheitliches Finanzmanagement für Start-ups und KMUs zu schaffen. CEO Zemina aus Wien war zuvor beim österreichischen Wagniskapitalgeber Speedinvest engagiert. CTO Patrick de Castro Neuhaus, der aus Brasilien stammt, arbeitete unter anderem im Siemens-Konzern und für die Strategieberatung Bain & Company in São Paulo. Die beiden lernten sich über die Gründer-Plattform „Entrepreneur First“ kennen und entwickelten dort ihre Idee im Rahmen des Talenteprogramms. Als erste Mitarbeiter stießen schnell Erick Petrucelli als Head of Engineering und Alex Müller als VP Growth hinzu.

„Softwarelösungen für große Unternehmen und Konzerne gibt es ja längst“, sagt Alexander Gulcz. „Unsere Gründer wollten eine Open-Banking-Lösung für die Kleinen.“ Im Herbst 2019 war die europäische Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 in Kraft getreten, die innovative, mobile und transparente Online-Zahlungsmöglichkeiten sowie gleiche Wettbewerbsbedingungen für Zahlungsdienstleister und Fintechs ermöglichte. Damit war die Tür für Airbank offen. Schon im Gründungsjahr erhielt Airbank in einer frühen Seed-Finanzierungsrunde 2,5 Millionen. Im Oktober 2021 ging die App dann online und wächst seither.

Konto-Cockpit - das Dashboard von Airbank schafft Übersicht

In einer Series-A-Finanzierungsrunde – angeführt von der Risikokapitalgesellschaft Molten Ventures – sammelte das Team gerade weitere rund 20 Millionen Euro ein. Auch Zeminas ehemaliger Arbeitgeber Speedinvest beteiligte sich. Die neue Finanzierungsrunde soll in erster Linie den Aufbau des Teams, zu dem bereits mehr als 50 Menschen zählen, beschleunigen. „Wir wollen vor allem die Entwicklerkapazitäten ausbauen“, sagt Gulcz. In den nächsten Monaten wolle Airbank sein ganzheitliches Softwarepaket komplettieren Es soll eine einheitliche Lösung sein, statt diverser Insellösungen etwa für Buchführung, Tabellen, Kalkulationen und Rechnungsmanagement, wie sie bisher auf dem Markt zu finden seien. Bis 2025 will Airbanks damit der Inbegriff für eine zentrale Finanzanwendung für europäische KMUs sein.

Für Berlin als Firmensitz habe man sich entschieden, weil sie „die europäische Hauptstadt der digitalen Revolution in der Finanzdienstleistungs-Branche und ein zentraler Ort für innovative Fintechs“ sei, so Gulcz. „Berlin bietet eine große kulturelle Offenheit, internationales Renommee, eine hohe Lebensqualität bei einem akzeptablen Kostenniveau – und damit einen großen Talentpool für unsere zukünftige Entwicklung.“ Das Entwicklerteam arbeitet aber nicht nur in Berlin, sondern an verschiedenen Orten auf der Welt. Fast die Hälfte des Teams, vor allem Software-Entwicklerinnen und Entwickler, sitzt in Brasilien. Denn Entwickler sind in Europa immer schwerer zu finden und Patrick de Castro Neuhaus verfügt über gute Kontakte nach Brasilien. Weitere Kolleginnen und Kollegen sitzen in Wien, Barcelona, Lissabon wie auch in Leipzig und Dresden. „Bei uns gilt: remote first“, sagt Gulcz, der selbst vor allem in seiner westfälischen Heimat arbeitet.

Zu den mehr als 1000 registrierten Kunden/innen gehören bekannte Namen wie die Hotelkette Park Hyatt, die Eismarke Häagen-Dazs und das Berliner KI-Start-up Levity. Neue Kunden/innen gewinnen die Airbanker vor allem durch Mundpropaganda und Onlinepräsenz. „Bei uns geht es um sehr sensible Daten“, sagt Gulcz. „Die Kunden müssen uns vertrauen und am besten von sich aus zu uns kommen.“ Dafür sei auch die Zusammenarbeit mit Verbänden und Netzwerken enorm wichtig. „Auch der Ostdeutsche Bankenverband“, so Gulcz, „ist für uns ein wichtiger Partner.“

Interview und redaktionelle Bearbeitung durch: Sven Heitkamp | Freier Journalist | Leipzig
(Bildquellen: Airbank)

Veröffentlicht: 10. Juli 2022

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