Tim Ockenga, Leiter Kapitalanlagen, GDV
#FridayThoughts
ÖPP als Hebel für die Infrastruktur-Fitness
Interview mit Tim Ockenga, Leiter Kapitalanlagen beim Gesamtverband der Versicherer (GDV)
Marode Brücken, verfallende Schienenwege, löchrige Autobahnen – trotz guter Haushaltslage hat die öffentliche Hand in den zurückliegenden Jahrzehnten die Infrastruktur Deutschlands vernachlässigt. Das im vergangenen Jahr verabschiedete 500 Mrd. Euro schwere Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität soll hier Abhilfe schaffen. Doch echte Dynamik konnte es bislang nicht entfalten, sondern diente sogar zum Verlagern regulärer Ausgaben aus dem Kernhaushalt.
Der Gesamtverband der Versicherer (GDV) hat ein Instrument wieder in Erinnerung gerufen, welches Haushalt und Sondervermögen ergänzen und wirkungsvoller gestalten kann: Öffentlich Private Partnerschaften, kurz ÖPP. Bereits vor über 20 Jahren galten Hand-in-Hand-Projekte von Staat und Privat als effiziente Beschleuniger für Sanierung und Ausbau von Verkehrswegen, öffentlichen Gebäuden oder Datenleitungen. Doch die Widerstände waren groß und anders als bei europäischen Nachbarn konnten ÖPP nie wirklich skaliert werden.
Mit einem Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) wollen die Versicherer neuen Schwung in die ÖPP-Debatte bringen. Der Ostdeutsche Bankenverband sprach mit Tim Ockenga, Leiter Kapitalanlagen beim GDV, wie genau das aussieht.
Herr Ockenga, ÖPP sind hierzulande nie wirklich durchgestartet. Auch jetzt setzt die Politik auf ein 500 Mrd. Euro schweres Sondervermögen für den Infrastrukturausbau. Warum und wie sieht der GDV da Raum für ÖPP?
Tim Ockenga: Die Infrastruktur in Deutschland leidet seit Jahren unter massiver Unterinvestition. Straßen, Brücken und öffentliche Gebäude sind vielerorts sanierungsbedürftig. Allein auf kommunaler Ebene wird der Investitionsrückstand inzwischen auf über 200 Milliarden Euro geschätzt wird. Darüber hinaus ergeben sich weitere Investitionsbedarfe aus der Energie- und Wärmewende und der Digitalisierung. Die Bundesregierung hat mit dem Sondervermögen große Finanzpakete aufgelegt, um diese Defizite zu beheben. Doch dabei wurde nicht versucht, das öffentliche Kapital mit privaten Mitteln zu hebeln. Das wäre aber nötig gewesen, denn die frischen Gelder aus dem Sondervermögen reichen bei Weitem nicht aus, um die Investitionsbedarfe zu decken. Dazu kommt: Es fehlt an Personal, Planungskapazitäten und effizienten Verfahren, um die Mittel tatsächlich umzusetzen.
Die deutschen Versicherer gehören mit 1.900 Mrd. Euro Kapitalanlagen zu den größten institutionellen Investorengruppen. Bereits heute haben unsere Mitgliedsunternehmen mehr als 100 Mrd. Euro langfristig in Infrastrukturprojekten angelegt. Leider nur relativ wenig davon in Deutschland, weil es hier schlicht an investierbaren Projekten fehlt. Das möchten wir gerne ändern. Hier kommen ÖPP ins Spiel, denn sie halten etliche Trümpfe in der Hand.
Welche sind das?
ÖPP werden im Gutachten des IW Köln, das wir als GDV beauftragt haben, als wichtige Ergänzung zur klassischen staatlichen Beschaffung gesehen. Sie bündeln Planung sowie Bau, Finanzierung, Wartung und Betrieb in einer Hand und ermöglichen so effizientere Abläufe. Wir erleben fast tagtäglich, wie schwer es öffentlichen Strukturen fällt, bereitgestellte Finanzmittel effizient in größeren Projekten umzusetzen. Studien zeigen, dass ÖPP-Projekte häufiger im Zeitplan bleiben und zudem im Schnitt etwa 17 Prozent günstiger gebaut werden können. Anderswo in Europa nutzt man ÖPP viel häufiger, UK ist der Spitzenreiter. Oder nehmen Sie Frankreich oder Spanien. Im Bereich der Verkehrswege setzt man hier deutlich stärker als bei uns auf ÖPP. Projekte bleiben dort im Kosten- und im Zeitrahmen. Ich spare es mir, öffentliche Großprojekte aus Deutschland dem gegenüberzustellen, jeder kennt die Beispiele. Wir wissen, wie der Vergleich ausfällt. Zur Effizienz beim Errichten kommt der Lebenszyklusansatz in der Nutzungsphase: Private Partner sind langfristig für Wartung und Betrieb verantwortlich, was die Qualität verbessert und spätere Kosten senkt. Dadurch sind die Restwerte von ÖPP-Infrastrukturen durchschnittlich um 27 Prozent höher als bei solchen aus einer rein öffentlichen Beschaffung.
Noch einmal nachgefragt: Wie hängen ÖPP mit den aktuellen Sondervermögen der Bundesregierung zusammen?
Die aktuellen Sondervermögen – etwa für Infrastruktur und Klimaneutralität – stellen zwar große Summen bereit, reichen aber bei Weitem nicht aus, um alle Investitionsbedarfe zu decken. Genau hier setzen ÖPP an, weil sie einen Beitrag zu Prozesseffizienz durch bessere Kostenkontrolle und schnellere Umsetzung leisten können und zur fiskalischen Entlastung beitragen. So lassen sich mehr Projekte realisieren, ohne die Staatsverschuldung kurzfristig stark zu erhöhen. Das IW Köln hat diesen Effekt anhand eines Rechenbeispiels illustriert: Wenn man mit jährlich 1 Mrd. Euro aus dem Sondervermögen Schulen bauen bzw. sanieren würde, könnte man mit ÖPP 2.400 Schulen sanieren, mit der konventionellen Beschaffung nur 2.000 Schulen.
Bei all den Vorteilen, warum gibt es in Deutschland dennoch so viel Kritik an ÖPP?
Ein zentraler Kritikpunkt ist die Sorge über mangelnde demokratische Kontrolle, da die Verträge komplex und langfristig sind. Außerdem wird befürchtet, dass ÖPP genutzt werden könnten, um Schuldenregeln zu umgehen. Dazu kommt: Kritiker argumentieren, dass private Investoren Renditen erzielen wollen und deshalb Projekte insgesamt teurer werden könnten. Diese Skepsis ist politisch weit verbreitet und hat dazu geführt, dass ÖPP in Deutschland zuletzt deutlich seltener eingesetzt wurden als in anderen europäischen Ländern. Von den europaweiten ÖPP-Projekten entfallen nur rund fünf Prozent auf Deutschland. Das Gutachten arbeitet klar heraus: Die Kritikpunkte an ÖPP sind nicht haltbar, die Vorteile der öffentlichen Beschaffung werden verzerrt dargestellt. Wir brauchen daher eine Versachlichung der Diskussion mit einem stärkeren Blick auf die Wirtschaftlichkeit über den Lebenszyklus.
Wie könnte eine gelingende gemeinsame Zukunft von öffentlichen und privaten Partnern bei der Infrastrukturfinanzierung aussehen?
Wir alle merken: Die marode Infrastruktur in unserem Land wird zunehmend zu einer Wachstumsbremse, wir brauchen daher einen möglichst schnellen Hochlauf der Investitionen. Die Betonung liegt auf „schnell“. Unser Gutachten legt nahe, dass eine Kombination aus staatlichen Investitionen und privaten Partnerschaften genau dafür die Voraussetzungen schafft. Angesichts steigender Baukosten, stark begrenzter Verwaltungskapazitäten und wachsender Investitionsbedarfe kann die öffentliche Hand die Aufgaben kaum allein bewältigen. ÖPP könnten helfen, Projekte schneller umzusetzen und langfristig günstiger zu betreiben. Vorbehalte sollen nicht beiseite gewischt, sondern ernst genommen werden: mit Transparenz, Kontrolle und klaren Regeln. Wenn man ÖPP fair betrachtet, ist diese Beschaffungsvariante ein starker Hebel, um Straßen, Schienen, Brücken, Gebäude oder Datenwege so schnell wie möglich wieder auf ein angemessenes Niveau zu bringen. Darüber möchten die Versicherer mit allen Partnern – gerade auch mit den deutschen Banken – schnell in einen Austausch kommen – und ins Machen.
Interview durch: Ostdeutschen Bankenverband | Dr. Alexander Schumann
(Bildquelle Porträt: GDV/Hr. Ockenga)
Veröffentlicht: 30. April 2026
Bleiben Sie informiert! Jetzt haben Sie die Möglichkeit, sich in unseren Verteiler eintragen zu lassen. Somit sind Sie immer auf dem Laufenden, was Ostdeutschland bewegt.
