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Anke Siegmeier | Geschäftsführerin, OptoNet e.V.

#ErfolgeOst

Im Geiste von Carl Zeiß

Die Optik- und Photonikbranche in Thüringen entwickelt Hightech für viele Schlüsseltechnologien der modernen Welt. Schon im 19. Jahrhundert wurde Jena dank Zeiß und seiner Forscherkollegen weltberühmt. Bis heute knüpft die Region an diese Erfolgsgeschichte an.

Am Grab von Carl Zeiß auf dem historischen Johannisfriedhof in Jena spricht Anke Siegmeier gern über das große Ganze. Der Begründer des globalen Technologiekonzerns stehe für jene Tugenden, die Thüringens Hightech-Industrie bis heute prägen: Präzision, Perfektionismus, Forscherdrang, kurz: der Zeiss-Geist. Auf der Rückseite seines Grabsteins steht: „Ein edler Mann wie Wenige hat er Grosses ausgerichtet, auf Geschlechter wirkt er fort in Segen.“ Siegmeier findet das sehr treffend. Sie ist eine der beiden Geschäftsführerinnen des Branchenverbands OptoNet, der heute rund 140 Unternehmen und Forschungsinstitutionen der Optik- und Photonikbranche vereint – darunter viele Marktführer mit Weltruf. Wie Zeiss.

Von ihrem Büro im zehnten Stock des JenTowers blickt Siegmeier auf den nahen Friedhof und die Lichtstadt, die er mitgeprägt hat: einen der weltweit bedeutendsten Innovationsstandorte für Optik und Photonik. Viele Produkte der Branche bleiben unsichtbar – und sind doch unverzichtbar. Hochpräzise Spiegel für modernste Chipfabriken, Laser für die Medizintechnik, Sensoren für Laboranalysen, Optiken für Satelliten sowie Mars-Rover und Mondmissionen, Messtechnik für autonomes Fahren und Verkehrsüberwachung oder Verschlüsselungstechnologien für Quantentechnologien – überall liefern Thüringer Unternehmen entscheidende Bausteine. „Wir konkurrieren nicht über Masse, sondern über höchste Präzision“, sagt Siegmeier. „Da spielt Thüringen weltweit an der Spitze.“

Das Evidir Alpha Infrarot-Kameramodul von Jenoptik

Ein Sternprojektor von ZEISS ASTERION

In vielen Schlüsseltechnologien steckt Knowhow, das nicht nur aus Jena stammt, sondern auch aus Erfurt, Ilmenau, Suhl, Gera und Neustadt an der Orla. „Wenn man weltweit etwas in der Optik sucht, ist man bei uns an der richtigen Adresse“, sagt Siegmeier. Die Region kenne sich nicht nur aus mit Mikroskopen und Teleskopen, sondern bilde die gesamte Wertschöpfungskette ab – von Materialien über Beschichtungen bis zu Lasertechnik, Sensorik und komplexen Messsystemen.

Rund 200 Unternehmen beschäftigen mittlerweile fast 20.000 Menschen und erwirtschaften etwa vier Milliarden Euro Umsatz. Drei Viertel davon werden im Ausland verdient. Und bei den zumeist mittelständischen Betrieben fließt ein beachtlicher Teil des Geldes zurück ins Unternehmen. Durchschnittlich 15 Prozent des Umsatzes werden in Forschung und Entwicklung investiert – ein Spitzenwert. Nicht ohne Grund hat Jena eine der höchsten Akademikerquoten Deutschlands. Doch auch die Hightech-Region leidet unter dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel – gesucht werden Spezialisten für Optik und Informatik, Physik und Ingenieurwesen.

Eine Asphericon-Mitarbeiterin prüft Hochleistungslinsen

Hochmodernes holografisches Head-Up-Display von ZEISS AEROSPACE

Lichttechnologien seien heute Querschnittstechnologien, die Disruption ermöglichen und Branchen transformieren. „Ohne sie sind viele Innovationen der nächsten Jahrzehnte kaum denkbar“, sagt Siegmeier. Der Standort profitiert dabei von seiner außergewöhnlichen Vielfalt und hänge nicht wie andere an einer einzigen Branche. Ob Halbleiter, Medizintechnik, Maschinenbau, Luft- und Raumfahrt oder Sicherheitstechnologien – Thüringen liefert für diverse Zukunftsmärkte. „Dieser Branchenmix macht uns resilient.“

Der Erfolg hat dabei nicht nur den einen Vater mit dem berühmten Namen. „Das Besondere ist unser Innovations-Ökosystem“, sagt Siegmeier. Forschungseinrichtungen, Universität, Fachhochschule, Start-ups, Mittelstand und Weltkonzerne arbeiten eng zusammen. Die Wege in der 107.000-Einwohner-Stadt sind kurz, die Netzwerke eng. Viele Spezialisten und ehemalige Abteilungsleiter des „VEB Carl Zeiss Jena“ sind heute Geschäftsführer, doch sie kennen sich noch aus dem Studium oder aus gemeinsamen Projekten des Kombinats. Nach dessen Auflösung 1990 und der Gründung von Jenoptik gingen viele eigene Wege. Ausgründungen entstanden, manche entwickelten sich zu Hidden Champions. Allein Jenoptik gilt heute als ein industrieller Anker mit rund 4500 Beschäftigten.

Die einzigartige Geschichte der Stadt und der Region führe bis heute zu mehr Kooperation als Konkurrenz, sagt Siegmeier. Neue Ideen gelangten vergleichsweise schnell aus dem Labor in marktfähige Produkte. Auf dem Weg unterstützt auch ihr Verband OptoNet. 1999 mit 13 Gründern gestartet, hat sich die Zahl der Vereinsmitglieder mittlerweile mehr als verzehnfacht. Unter ihnen sind auch Unternehmen aus der Schweiz, Israel, Ungarn und Kanada. Das sechsköpfige OptoNet-Team kümmert sich um Vernetzung und Technologietransfer, Messen und Workshops, Fachkräfteentwicklung, Standortmarketing und Lobbying.

Das Start-up DeepEn entwickelt ultradünne Mikroendoskope für die Forschung

DeepEn-Entwicklungsleiter Jiri Hofbrucker im Labor am Mikroendoskop

Solcherart Zusammenarbeit hat Tradition in Jena. Schon der Hof- und Universitätsmechanicus Zeiß tüftelte vor 160 Jahren nicht allein in seiner Jenaer Werkstatt an industriell zu fertigenden Mikroskopen. Es war das Dreigestirn mit dem Physiker Ernst Abbe und dem Glaschemiker Otto Schott, das den Grundstein für den Erfolg legte. „In Jena entstehen große Innovationen, weil Wissenschaft und Unternehmergeist immer wieder zusammenfinden“, sagt Siegmeier.

Aktuell investiert der Zeiss-Konzern eine halbe Milliarde Euro in einen neuen Hightech-Campus auf dem früheren Areal des Glasspezialisten Schott. Nächstes Jahr sollen dort die Entwicklungseinheiten sowie diverse Produktions- und Verwaltungsabteilungen gebündelt werden. Der Wunsch Europas nach größerer technologischer Unabhängigkeit kann auch von Thüringen aus erfüllt werden, sagt Siegmeier: „Wir haben die Technologien. Jetzt müssen wir sie gemeinsam weiterentwickeln und in Europa stärker zusammenbringen.“ Dafür wünscht sie sich eine stärkere Wahrnehmung und Förderung des Standorts von Deutschland und Europa.

„Wir haben in Jena Venture-Capital-Geber aus dem Silicon Valley, die sich hier Diamanten herauspicken möchten“, erzählt Siegmeier. „Aber wir wollen, dass die Unternehmen in Thüringen bleiben und nicht ihr Headquarter irgendwann in San José eröffnen. Dafür setzen wir uns ein – ganz im Sinne von Carl Zeiß.“

Verkehrsüberwachung mit dem TraffiTower von Jenoptik

Modell des neuen HighTech-Campus von Zeiss Jena

Interview und redaktionelle Bearbeitung durch: Sven Heitkamp | Freier Journalist | Leipzig
(Bildquellen: Optonet – Analytik Jena, Asphericon, DeepEn, Jenoptik, Quantum Optics © Anna Schroll, ZEISS AEROSPACE, ZEISS ASTERION, Zeiss Jena)

Veröffentlicht: 16. Juli 2026

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