#Klartext
Deutschlands Ideen brauchen Skalierung
Deutschlands wirtschaftliche Stagnation ist kein Schicksal. Sie ist das Ergebnis zu geringer Investitionen, langwieriger Verfahren und einer Finanzierung, die Innovationen häufig nicht bis zur industriellen Skalierung begleitet. Der Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026 des Saarower Kreises zeigt: Der Aufholprozess gerät ins Stocken – nicht, weil es an Ideen fehlt, sondern weil zu viele Innovationen den Weg in den Markt nicht schaffen. Dabei sind die Voraussetzungen hervorragend. Deutschland verfügt über einen weltweit führenden, forschungsstarken Mittelstand, exzellente Wissenschaft sowie innovative Start-ups und Scale-ups. Gerade diese Kombination kann unser entscheidender Wettbewerbsvorteil sein.
Eine Lücke liegt heute in der Skalierungsfinanzierung. Insbesondere First-of-a-Kind (FOAK)-Investitionen – also die erste industrielle Umsetzung neuer Technologien – sind für Banken allein oft zu risikoreich und für private Investoren noch nicht ausreichend kalkulierbar. Die Folge: Technologien werden hier entwickelt, aber anderswo produziert und skaliert. Deshalb braucht es mehr Fokus auf die Finanzierung von FOAK-Innovationen im innovativen Mittelstand. In strategischen Technologiefeldern wie KI, Mikroelektronik, erneuerbaren Energien, Batterien, Quantentechnologien oder Biotechnologie versucht der Staat, privates Kapital gezielt zu hebeln – etwa über Garantien, Beteiligungen oder First-Loss-Modelle. Aber es gibt immer noch viele „weiße Flecken“, wo es eben nicht gelingt. Der Staat muss nicht investieren, aber Risiken bei FOAK-Investitionen absichern, um privates Kapital zu mobilisieren.
Ebenso wichtig ist ein leistungsfähiger europäischer Kapitalmarkt. Mit der Savings and Investments Union (SIU) bietet sich die Chance, mehr privates Vermögen in Venture Capital, Wachstumsfinanzierungen und industrielle Innovation zu lenken. Europa verfügt über ausreichend Kapital – wir müssen es produktiver einsetzen. Mindestens ebenso wichtig sind die richtigen Rahmenbedingungen. Bund und Länder haben inzwischen erkannt, dass Planungs- und Genehmigungsverfahren schneller, Verwaltungsprozesse digitaler und Berichtspflichten schlanker werden müssen – und ich bin optimistisch, dass das jetzt gelingt. Denn die jüngsten Entscheidungen und das Reformpaket des Koalitionsausschusses mit Maßnahmen zur Beschleunigung, zum Bürokratieabbau und zur Modernisierung des Staates sind ein wichtiges Signal. Entscheidend ist, dass die angekündigten Reformen zügig umgesetzt werden und nicht im Gesetzgebungsverfahren an Tempo verlieren.
Innovation entsteht dort, wo Start-ups, Scale-ups, Mittelstand, Industrie, Wissenschaft, Banken und Investoren zusammenarbeiten. Innovationsökosysteme werden zum entscheidenden Standortvorteil. Berlin entwickelt sich zu einem europäischen Zentrum für FinTech und KI, während Ostdeutschland mit Clustern in Mikroelektronik, Energie- und Deep-Tech-Industrien enorme Potenziale besitzt.
Wirtschaftlicher Erfolg braucht aber auch Vertrauen. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Planungssicherheit sind harte Standortfaktoren. Investoren engagieren sich dort langfristig, wo Verlässlichkeit herrscht. Und jetzt zählt gemeinsames Handeln: Die Politik muss Reformen konsequent umsetzen und privates Kapital mobilisieren. Unternehmen müssen mutig investieren und Kooperationen mit Start-ups suchen. Investoren sollten Zukunftstechnologien und industrielle Skalierung langfristig begleiten. Dann kann aus wirtschaftlicher Stagnation wieder nachhaltiges Wachstum werden.
Hinweis
Der Text erschien zuerst bei Table.Media.
Achim Oelgarth
Geschäftsführender Vorstand Ostdeutscher Bankenverband e.V.
Veröffentlicht: 20. Juli 2026
Bildquellen: Unsplash
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