Tim Fischer, Geschäftsführer bei LabFly
#ErfolgeOst
Medizin per Drohne
Das junge Unternehmen LabFly steuert Deutschlands ersten regelmäßigen Drohnenbetrieb zwischen einer Klinik auf der Schwäbischen Alb und ihrem Zentrallabor. Die Piloten und Techniker, die die Operation überwachen, sitzen fast 600 Kilometer entfernt – im Tech-Gründerzentrum „MotionLab“ in Berlin-Treptow. Gründer und CEO Tim Fischer bringt dabei eigene Erfahrungen aus einer ländlichen Region im Osten ein.
Der Höhenflug für LabFly beginnt mit einer Schließung: Als das Zollernalb-Klinikum in Albstadt eines seiner Labore wegen Personalmangels aufgeben muss, springt das junge Berliner Team mit einem Drohnenbetrieb ein. Seit Frühjahr 2025 werden nun zeitkritische Laborproben per Luftpost ins rund zwölf Kilometer entfernte Zentrallabor in Balingen geflogen: sechs bis zehn Flüge am Tag, Flugzeit keine 15 Minuten. Mehr als 1500 Proben wurden bis heute mit der Transportdrohne geliefert. Die Flüge vom Start bis zur Landung überwachen LabFly-Piloten in Berlin mit einer selbst entwickelten Software. „Testflüge und Landvermessungen mit Drohnen gibt es viele“, sagt Tim Fischer, Gründer und Chef von LabFly. „Aber wir sind vollständig zertifiziert, um über bevölkerten Gebieten außerhalb der Sichtweite zu fliegen – und wir sind die einzigen, die einen täglichen Realbetrieb anbieten.“
Für die Starts und Landungen im Klinikum und im Labor hat LabFly die deutschlandweit erste Genehmigung erhalten und rund 30 Beschäftigte vor Ort geschult, um die Drohnen am Boden zu bedienen. Sicherheit hat dabei oberste Priorität: Blutproben aus der Klinik, die Krankheitserreger tragen könnten, gelten im Transportrecht als gefährliche Güter. Daher haben die acht Kilo schweren Drohnen acht statt vier Propeller und zwei Batterien statt einer. Von den vier Fluggeräten im Klinikeinsatz ist immer eins zur Wartung in Berlin. Ohne die Drohnen gingen sämtliche Proben per Taxi auf die Reise. „Mit unserer Lösung haben wir Lieferzeiten und Kosten um mehr als die Hälfte reduziert und die CO₂-Emissionen um 96 Prozent gesenkt“, sagt Fischer. Der 36-jährige Gründer erwartet, dass das Modell bald Schule macht. „Die Laborlandschaft erlebt enorme Konzentrationsprozesse.“
Allein ist LabFly am Drohnen-Himmel zwar nicht. Auch Startups wie Urban Ray und Morpheus arbeiten an fliegender Logistik. „Doch als Komplettanbieter können wir deutlich mehr Erfahrung im realen Betrieb vorweisen als andere“, sagt der Luft- und Raumfahrttechniker. Eines ihrer internationalen Vorbilder ist das US-amerikanische Startup Zipline, das in mehreren Ländern Afrikas ein Drohnen-Liefernetzwerk für die Gesundheitsversorgung betreibt und bald drei Millionen Lieferungen erledigt hat.
Die PalliDrohne
Ein erfahrenes Drohnenteam im MotionLab
Probleme mit der medizinischen Versorgung auf dem Land kennt Fischer aus eigener Erfahrung: Er ist in einem 2000-Seelen-Dorf bei Magdeburg aufgewachsen. Mit LabFly will er nun helfen, solche Regionen besser an die Gesundheitsversorgung anzubinden. „Unsere Leute in den Städten können den Großeltern auf dem Dorf helfen“, sagt Fischer. Engagiert ist LabFly auch im Forschungsprojekt „PalliDrohne“ in Sachsen-Anhalt, mit dem die Lieferung von Arzneien direkt zum Patienten erprobt wird. Drohnen bringen die Medikamente, die per E-Rezept und App bestellt wurden, aus einer Dessauer Apotheke zur Anhaltischen Hospiz- und Palliativgesellschaft und zu Seniorenresidenzen und werfen die bruchsicheren Pakete aus zehn Metern Höhe ab – ebenfalls mit erster Erlaubnis des Luftfahrt-Bundesamtes.
Zig solcher Flüge wurden mittlerweile durchgeführt. Weil aber der Abwurf aus der Luft technisch und rechtlich problematisch ist, tüftelt LabFly an Lösungen, um Pakete mit Sicherheitsfallschirmen oder Seilwinden herabzulassen. Damit könnten zum Beispiel ambulante Palliativteams in Notfällen aus der Luft unterstützt werden – ehe sie erst Rezepte und danach die Medikamente aus der Apotheke holen müssen. Zugleich erprobt LabFly im Projekt Digitales Gesundheitsnetzwerk Oberfranken den Medikamententransport vom Großhändler zu lokalen Apotheken.
„Wir gehen immer einen Schritt weiter als das bisher Mögliche“, sagt Fischer. Das Herz von LabFly schlägt dabei im MotionLab in Berlin-Treptow. In den alten Hallen der historischen Bouchéhöfe tüfteln Techniker hinter provisorischen Trennwänden an neuen High-Tech-Lösungen, es gibt offene Werkstätten und Labore für 3D-Druck, CNC-Fräsen und Metallbearbeitung. Hier schneiden die Ingenieure Drohnenteile aus Balsaholz mit dem Laser und fertigen Kunststoffteile im 3D-Drucker. Die Techniker verfeinern ihre Software, testen Bauteile und warten die Drohnen aus den Realeinsätzen. Zum Team gehören heute zehn Leute, die sich um Flugbetrieb, Wartung, Entwicklung und Software kümmern.
Testflug über Berlin – LabFly kurvt nahe der Charité
Luftpost für die Gesundheit – ein Drohne vor dem Start
Gestartet ist LabFly 2019 als Spin-off der TU Berlin. Schon als Studenten hatten die angehenden Ingenieure erste Drohnen-Ideen entwickelt und Lehrveranstaltungen für autonomes Fliegen angeboten. Sie sind Gründer, die Luftfahrt können: Neben Fischer als CEO verantwortet Mitgründer Juri Bieler Softwareentwicklung und Tests. Er arbeitete in der europäischen Forschungsinitiative Clean Sky 2, hat einen Pilotenschein und beteiligte sich am Bau eines automatisch fliegenden Renn-Quadrocopters, der die „Robot Challenge“ 2017 in Peking gewann. Kolja Klein ist Fluggerätemechaniker mit Erfahrungen bei Rolls-Royce und Airbus, baute 2004 seine erste Drohne und ist begeisterter Segelflieger. „Kolja versteht die hochkomplexe Sprache der Luftfahrtgesetze und schreibt Konzepte, die sich an alle Regeln halten“, schwärmt sein Co-Gründer Fischer.
Schon im Gründungsjahr 2019 trat LabFly auf der Hannover-Messe auf und konnte am Hongkonger Tech-Accelerator „Brinc“ teilnehmen. Gemeinsam mit der australischen Venture-Capital-Gesellschaft Artesian Venture Partners unterstützt Brinc seither das junge Unternehmen. 2020, nach dem Corona-Ausbruch, kehrten die Drohnenpiloten nach Deutschland zurück und starteten unter anderem eine Machbarkeitsstudie mit der Charité in Berlin-Mitte. Doch für Flüge im Umkreis des Reichstages sind Sondergenehmigungen und Absprachen mit zig Sicherheitsbehörden nötig – kein gutes Terrain für Testflüge.
Profitabel fliegt LabFly trotz aller Pilotprojekte noch nicht. Finanziert ist das Startup nach wie vor durch Forschungsprojekte, Business Angels, Preis- und Fördergelder: 2025 gewann LabFly den Deep-Tech-Award des Berliner Senats und wurde gerade als „Klimaschutzpartner 2026“ ausgezeichnet. Daneben beteiligt sich das Team am Forschungsprojekt U-Space Berlin, das vom Senat gefördert wird. Parallel spricht LabFly mit verschiedenen Kliniken in mehreren Bundesländern, um weitere Drohnen-Dienste aufzubauen. Zudem arbeitet das Team daran, dass ein Pilot künftig mehrere Drohnenflüge gleichzeitig überwachen kann. „Wir hoffen“, sagt Fischer, „dass bis 2030 der Transport von Laborproben mit Drohnen im normalen Klinikalltag in Europa angekommen ist – auch in Großstädten wie Berlin.“
“Berlin ist unsere Heimat: Zwei Gründer stammen von hier, an der TU haben wir gegründet. Die Stadt bietet für die Startup-Welt ein lebendiges Netzwerk mit spannenden Menschen. Auch das MotionLab als Coworking-Space und Werkstatt für Tech-Startups dürfte bundesweit einmalig sein. Zudem erleben wir hier die politische Unterstützung, Drohnenprojekte wirklich voranzutreiben. Und um sie zu steuern, muss man nicht immer vor Ort sein.”
Tim Fischer
Geschäftsführer bei LabFly
(DiAvEn UG, haftungsbeschränkt)
Interview und redaktionelle Bearbeitung durch: Sven Heitkamp | Freier Journalist | Leipzig
(Bildquellen: LabFly)
Veröffentlicht: 30. September 2026
Bleiben Sie informiert! Jetzt haben Sie die Möglichkeit, sich in unseren Verteiler eintragen zu lassen. Somit sind Sie immer auf dem Laufenden, was Ostdeutschland bewegt.
