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Anja Kolbe-Nelde, Geschäftsführende Gesellschafterin, Thüringer Freilandpilze GmbH

#ErfolgeOst

Trüffel aus Thüringen

Auf der kulinarischen Weltbühne gelten Trüffel aus Italien und Frankreich als unangefochtene Klassiker. Doch der edle Knollenpilz liebt nicht nur mediterrane Gefilde – er gedeiht auch in Deutschland hervorragend. Anja Kolbe-Nelde hat dafür ihre Bankkarriere sausen lassen und sich ganz dem Edelpilz verschrieben: Die preisgekrönte Unternehmerin betreibt in ihrer Thüringer Heimat eine Pilzfarm und produziert jährlich bis zu 150.000 Trüffelbäume. Und sie baut darauf, dass ihr Modell bundesweit Schule macht.

Pferdeweiden, Streuobstwiesen und gut 500 Einwohner: In der ländlichen Idylle von Schönewerda zwischen Südharz und Erfurt lebt Anja Kolbe-Nelde, 47 Jahre alt, blonder Pferdeschwanz, große Brille. Als junge Frau lernte sie bei der Sparkasse im Kyffhäuserkreis Bankkauffrau und beriet fast 20 Jahre lang Kunden. 2016 beschloss sie, auf einem Feld ihres Vaters Pilze anzubauen – sehr zu dessen Leidwesen. Doch heute ist er stolz auf die erfolgreiche Tochter.

Ihre Firma produziert mit einem Dutzend Mitarbeitern inzwischen bis zu 150.000 hochwertige mykorrhizierte Trüffelbäume im Jahr. Ihr Ziel: Eine ganze Wertschöpfungskette rund um den Trüffel aufzubauen – von Anbau und Forschung über Bildung und Beratung bis zur Vermarktung und zum Trüffel-Tourismus. Dafür wurde die Gründerin mehrfach ausgezeichnet: mit dem Thüringer Zukunftspreis 2025, dem Ceres Award des Fachmagazins Agrarheute als Unternehmerin des Jahres und dem Innovationspreis AgraNova. „Trüffel wachsen in Deutschland an sehr vielen Stellen“, sagt Kolbe-Nelde. „Es sind die gleichen Arten wie in Italien und Frankreich, vor allem Burgundertrüffel – aber sie sind frisch und regional.“

2015 kaufte sie den ehemaligen Konsum im Ort und funktionierte ihn zum Hofladen um. Auf der alten Pferdewiese dahinter legte sie eine Art Gärtnerei für Pilze und Trüffelbäume an. An Baumstämmen unter Aroniabeeren treiben Shiitake, Austern-, Limonen- und Rosenseitlinge sowie Stockschwämmchen aus. In den Gewächshäusern stehen reihenweise Setzlinge von Eichen, Kastanien, Haseln, Hainbuchen und anderen Arten. Ihre zarten Wurzeln sind bereits mit dem haarfeinen Myzel der Trüffel verwachsen. „Wir pflanzen Pilze mit Bäumen dran“, witzelt Kolbe-Nelde.

Trüffelbaumproduktion, Anzucht, Betreuung

Frische Trüffel innen

In ein paar Jahren können die Bäumchen die ersten Burgundertrüffel tragen. Schon heute zeigt neben der Gärtnerei ein schmales Miniwäldchen, wie es geht: Bunte Plastikstäbe neben den Stämmen markieren die ersten Ernten. Gefunden haben sie Kolbe-Neldes drei italienische Wasserhunde. Mittlerweile vermarktet sie die ersten Burgundertrüffel unter der Hausmarke „Elanti“. Sie beliefert hochklassige Restaurants ebenso wie ihre Nachbarn und die Kunden des Onlineshops, der auch Trüffelöl, Trüffelsalz und andere Produkte bietet. Weil die unterirdisch wachsenden Nobelpilze mehrere Jahre brauchen, bis sie geschlechtsreif sind und Knollen ausbilden, steckt das Geschäft derzeit noch in den Kinderschuhen. Doch Wachstum ist programmiert.

Um den Anbau zu perfektionieren, kooperiert Kolbe-Nelde mit der Universität in Jena und Forschungseinrichtungen in Italien und Frankreich. Gemeinsam entwickeln sie das „Thüringer Modell“ – eine Methode, bei der Haselnuss-, Eichen- und Buchenpflanzen gezielt mit Trüffel-Mykorrhiza geimpft werden. Dabei hat das Team rund 50 Parameter für den Trüffelanbau ermittelt, darunter Licht, Wind, Bodenfeuchte und Baumarten – ohne Chemie, ohne Dünger. Mit Erfolg: Statt der sonst üblichen sieben bis neun Jahre kann sie bereits nach fünf Jahren erste Trüffel ernten. Ab dem zehnten Jahr sollen pro Hektar mehr als 100 Kilo Trüffel wachsen – eine Menge, die im internationalen Vergleich Maßstäbe setzt. „Wenn man auf den Ertrag pro Fläche schaut, sind wir Weltmeister“, sagt Kolbe-Nelde. Und in weiteren Forschungsprojekten feilt sie mit Partnern weiter an Anbauverfahren.

Austernseitling

Shiitake an Holz

Ihre „Thüringer Freilandpilze“ GmbH ist inzwischen auf mehrere Standorte mit zehn Gewächshäusern gewachsen. Jedes Jahr wachsen dort Setzlinge für 15 bis 20 neue Trüffelanlagen heran. Ihre Kunden betreut Kolbe-Nelde von der Standortanalyse und Planung über die eigentliche Baumpflanzung bis zur Ernte und Vermarktung. Sie kommen aus ganz Deutschland zu ihr, von der Ostsee bis nach Heidelberg. Zu ihnen gehören Landwirte, Spargelbauern, Winzer und Privatleute, die ganze Plantagen auf ihrem Äckern anbauen wollen – oder einfach ein paar Bäumchen im eigenen Garten. „Wir sehen uns als Erzeugergemeinschaft und suchen immer Leute, die mitmachen“, sagt Kolbe-Nelde. „Schon wenige Bäume genügen für eine Trüffelhecke.“ In die geimpften Bäume zu investieren, sei nicht nur eine Bereicherung für eine Grundstück und die Landschaft, sondern lohne sich auch für die Erzeuger finanziell. „Im Grunde hat sich für mich nicht so viel geändert“, sagt die ehemalige Bankerin schmunzelnd. „Ich berate immer noch in Wertanlagen.“

Und nicht nur das: Kolbe-Nelde ist zudem Pilzsachverständige und Mitglied einer Prüfungskommission für Pilzberater. Sie bietet Pilzlehrwanderungen, Schulungen und Kurse für die Trüffelsuche mit Hunden an. Die Pilzleidenschaft begleitet sie seit ihrer Kindheit: Schon als Mädchen zog sie mit ihrer Familie frühmorgens zum Sammeln in den Wald. Während ihrer Banklaufbahn begann sie, Speisepilze auf Holz zu züchten und nutzte eine Auszeit für weitere Anbauversuche – bis sie ihr eigenes Unternehmen gründete.

Viele Flächen konnte sie aus Erspartem und mit familiärer Unterstützung kaufen. Für die Umnutzung des Konsum-Ladens und für Forschungsprojekte gab es zudem Fördergelder. Parallel arbeitete sie die Thüringer Trüffelgeschichte auf und wies fast überall im Freistaat natürliche Vorkommen der Burgundertrüffel nach. Aus Naturschutzgründen dürfen sie aber nicht im Freien entnommen werden – also werden sie nun angebaut. „Tradition wiederentdeckt, Zukunft neu kultiviert“, steht an einem Zaun ihrer Gärten. „Thüringen soll zum führenden Standort für nachhaltigen Trüffelanbau in Deutschland werden“, sagt Kolbe-Nelde. „Mit einem festen Platz auf der kulinarischen Weltbühne.“

„Die Region ist meine Heimat. Ich bin hier geboren, ich lebe hier und ich genieße es, dass wir viel Land für wenig Einwohner haben. Wir haben sehr gute Böden, um Trüffel natürlich anzubauen, und gute Bedingungen, um Schönewerda zu einem überregional bekannten Trüffeldorf zu machen. Zudem gibt es viel Platz, um uns weiterzuentwickeln. Dafür bekommen wir viel Unterstützung aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in der Region und vom Freistaat Thüringen.“

Anja Kolbe-Nelde
Geschäftsführende Gesellschafterin,
Thüringer Freilandpilze GmbH

Interview und redaktionelle Bearbeitung durch: Sven Heitkamp | Freier Journalist | Leipzig
(Bildquellen: Thüringer Freilandpilze GmbH)

Veröffentlicht: 19. Oktober 2026

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