#FridayThoughts
Ölpreisschock trifft den Osten besonders hart
Zwei Kriege, die gleiche Wirkung. Der Angriff Russlands auf die Ukraine vor nun bereits vier Jahren deckte schonungslos die strukturellen Versäumnisse in der Wirtschaftspolitik Deutschlands in den letzten beiden Jahrzehnte auf. Der seit nahezu einem Monat herrschende Krieg der USA und Israels gegen den Iran trifft unseren Wirtschaftsstandort in einer identischen, wenn nicht verschlechterten Situation. Und Ostdeutschland trifft er besonders hart.
Nach fünf Jahren des Nullwachstums sollte 2026 die konjunkturelle Wende bringen. Im Schnitt etwas über einem Prozent BIP-Zuwachs lautete der Tenor der Prognosen. Jetzt, da mit Krieg und Krise im Nahen Osten ein Drittel der Welt-Rohöl-Produktion instabil geworden ist, beobachtet man die ersten Rückwärtsschritte der Konjunktur-Auguren und fallen einige 2026er BIP-Ausblicke unter die Ein-Prozent-Marke. Der Bundesverband deutscher Banken hat vergangene Woche den Konsens der Volkswirte seiner Mitgliedsinstitute veröffentlicht: Die Eins ist noch möglich, aber nur, wenn der Krieg nicht zu lange dauert.
Das hoffen wir alle. Aber ehrlicherweise würden sich die ökonomischen Konsequenzen nicht grundlegend ändern. Im Ergebnis der iranischen Raketenangriffe laufen beispielsweise die Produktions- und Logistik-Anlagen für verflüssigtes Erdgas (LNG) in Katar nach Experteneinschätzungen für mehrere Jahre gar nicht oder nur eingeschränkt. 17 Prozent der weltweiten LNG-Kapazität fallen aus. Deutschlands Gasbedarf wird nach dem Stopp für russisches Erdgas vor allem durch LNG gedeckt. Dessen Weltmarktpreis wird nun dauerhaft steigen. Steigen wird auch der Preis für Dünger sowie die zahlreichen petrochemischen Kuppelprodukte, deren Herstellung die arabischen Öl-Staaten in den zurückliegenden Jahren in ihr Handelsportfolio aufgenommen haben. Abnehmer ist die hierzulande ohnehin bereits arg gebeutelte Chemieindustrie. Mehr muss man nicht sagen.
Wer sich damit tröstet, dass der Anteil von Energie am Warenkorb für die Inflationsmessung unter fünf Prozent liegt, vergisst: Fossile Energie steckt in nahezu allem. Zum Beispiel in Brot – und zwar das Äquivalent eines halben Liters Dieselkraftstoff. Zieht man den Zoom größer auf die gesamte Produktions- und Logistikkette in der Landwirtschaft trifft man überall auf Energie, die nun teurer wird. Übrigens: Auch erneuerbare, denn die Merrit-Order-Regel an den Energiebörsen kettet den Preis von Wind- und Sonnenstrom an den von Gaskraftwerken.
Für die Unternehmen im Osten Deutschlands verschärft sich die Lage aufgrund struktureller Nachteile. Der erste Aspekt ist die im Vergleich zu Westdeutschland geringere Unternehmensgröße. Die Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe in den ostdeutschen Bundesländern befinden sich in der Wertschöpfungskette weiter am Anfang. So fällt es ihnen schwerer, Kostensteigerungen zu überwälzen. Zudem sind sie in vielen Fällen Zulieferer, haben also eine stärkere Transportintensität als Firmen in nord-, west- und süddeutschen Ballungsräumen.
Die beiden Top-Industriezweige in Ostdeutschland sind die Automobilindustrie sowie die Chemische Industrie. Beide Zweige leiden unter einem hohen Ölpreis – der eine beim Absatz, der andere in der Produktion. Beide Bereiche haben bereits jetzt schon enorme strukturelle Probleme zu bewältigen, die Ölpreissteigerung kommt auf den Sorgenberg zusätzlich obenauf.
Auf der Nachfrageseite sieht es nicht anders aus. Die ostdeutschen Haushalte haben ein geringeres verfügbares Einkommen sowie geringere Rücklagen. Somit fällt es schwerer, Preissteigerung an der Tankstelle oder bei den Heizkosten zu kompensieren. Zudem sind mittlere und untere Einkommensgruppe stärker vertreten, und diese geben bereits jetzt das verfügbare Einkommen fast vollständig für die Lebenshaltung aus.
Da die ostdeutschen Bundesländer Flächenländer sind und zudem die Unternehmensdichte geringer ausfällt, müssen Beschäftigte oft pendeln. Auf der Basis der aktuellen Kraftstoffpreise stemmen Berufspendler rund 250 Millionen Euro Zusatzkosten an der Tankstelle. Geld, das bei der Konjunkturstütze Konsum fehlt. Der Beschluss der Bundesregierung, künftig nur einmal am Tag Preisveränderungen an den Zapfsäulen zuzulassen, wird daran schwerlich etwas ändern. In Österreich, dem Vorbild für den jetzigen Berliner Beschluss, wirkte die Restriktion bislang nicht preisdämpfend, so dass die Wiener Koalition bereits nachgeschärft hat auf ein „Preisänderungen dreimal die Woche“-Gebot.
Das aktuelle Szenario nimmt sich wie ein Déjà-vu der Ereignisse von 2022 aus. Insbesondere ist die erneute Rückkehr der Inflation eine erwartbare Konsequenz, auch bei einem zeitnahen Ende des Irankriegs. Lieferketten gehen nicht mit einem Fingerschnippen in den Reibungslos-Modus zurück.
Zudem bewahrheitet sich einmal mehr die Einschätzung, dass Unternehmen in einer anhaltend unsichereren Welt agieren müssen. Auch in Zukunft werden Kriege und Krisen die Weltwirtschaft weiter begleiten – und beeinträchtigen. Das ist nicht zu ändern. Was Deutschland aber dringend ändern muss und kann ist die Reform-Lethargie, welche die Wirkung externer Schocks verstärkt.
Die geopolitisch-innenpolitische Gemengelage aus Turbulenzen an den Märkten und an den Wahlurnen – seien sie bereits eingetreten oder im September zu erwarten – lässt nur einen Schluss zu: Strukturelle Fitness für den Wirtschaftsstandort Deutschland muss nun wirklich in Bund und Ländern Top-Priorität auf der Politik-Agenda werden.
Dr. Alexander Schumann
Leiter Politik und Konjunktur, Sonderprojekte
Ostdeutscher Bankenverband e.V.
Veröffentlicht: 2. April 2026
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