Harald Eisenach
Bankenmarkt / Banking 4.0

Banken und Digitalisierung – getrennte Welten?

Noch nie besaßen die Kunden so großen Einfluss auf die Geschäftsmodelle von Banken wie heute. Das ist gut so, meint Harald Eisenach, Sprecher der regionalen Geschäftsleitung und Leiter Firmenkunden Ost der Deutschen Bank.

Herr Eisenach, hat die Hausbank in einer digitalen Welt eine Zukunft?

Ja, davon bin ich überzeugt. Dafür müssen Banken aber mit der rasanten technologischen Entwicklung mitgehen. Die Kunden geben dabei die Richtung vor: fast jeder erwartet heute selbstverständlich, zu jeder Zeit und an jedem Ort die eigenen Bankgeschäfte erledigen zu können. Das gilt für Privatkunden wie auch für Unternehmen. Ein Beispiel: ein deutscher Mittelständler in Asien will frühmorgens wissen, wie es um das Liquiditätsmanagement seiner Firma steht. Die entsprechende Anfrage ging früher via E-Mail an die heimische Finanzbuchhaltung. Bis die Antwort kam, vergingen meist mehrere Stunden. Jetzt gibt es den Liquiditätsstatus auf Knopfdruck – dank digitaler Plattformen, wie sie auch die Deutsche Bank anbietet.

Banking-Apps werden immer besser, warum noch Filialen?

Die persönliche Beratung hat keineswegs ausgedient. Auch künftig wünschen die meisten Menschen bei komplexen Themen einen Berater, dem sie in die Augen schauen können. Der Kunde muss aber die Wahl haben, auf welchem Weg er die Leistungen seiner Bank abrufen will. Das kann ein digitales Angebot sein. Vielleicht bevorzugt der Kunde aber auch die persönliche Beratung, die per Telefon oder Videokonferenz virtuell zu ihm nach Hause kommt. Oder er wählt den Weg in die nächstgelegene Filiale. Das zeigt, wie sehr die Kunden heute das Geschäftsmodell ihrer Bank letztlich mitgestalten. Aus meiner Sicht ist das eine sehr positive Entwicklung.

Wie hat sich die Rolle der Berater verändert?

Die Berater sollten auf Augenhöhe mit ihren Kunden sein, wenn es um neue digitale Anwendungen geht. Mehr noch: idealerweise übernehmen Berater für jene Kunden, die vielleicht nicht so digital-affin sind, auch die Funktion eines Lotsen. Dann erleben die Kunden noch einfacher, wie bequem digitales Banking funktioniert. Im Firmenkundengeschäft geht diese Aufgabe sogar weiter: wir sehen uns durchaus als Brückenbauer zwischen dem „etablierten“ Mittelstand und der Tech-Community. Beide Sphären könnten stärker voneinander profitieren, wenn Erfahrungen einerseits und innovative Konzepte andererseits noch häufiger eine Allianz eingehen.

Woher kommt das Know-how für digitale Angebote?

Banken waren schon immer auch Technologieunternehmen. Neben dem hauseigenen Know-how kommen aber auch Kooperationen eine enorme Rolle zu. Nicht alles kann und muss eine Bank selber entwickeln. Die Deutsche Bank arbeitet mit einer Reihe von Fintech-Unternehmen zusammen. Daraus entstehen kontinuierlich neue Angebote für unsere Kunden. Für viele längst unverzichtbar geworden ist zum Beispiel die „Fotoüberweisung“. Dieses in unserer Mobile App enthaltene Feature ist aus der Kooperation mit GINI entstanden, einem Münchner Fintech. Dabei wurde das Bezahlen von Rechnungen revolutioniert, indem Rechnungsdaten durch eine semantische Analyse automatisch in eine Überweisung übernommen werden. In Kombination mit FingerPrint-Login und PhotoTAN lassen sich Rechnungen mit wenigen Klicks begleichen. Zudem ist die Deutsche Bank mit führenden Think-tanks vernetzt, etwa dem MIT in Boston. Wie andere Branchen auch, sehen wir einen klaren Trend zu Plattform-Geschäftsmodellen. Neue Entwicklungen gehen also weit über Banking-Apps hinaus.

Wo ist der Nucleus ihrer „Forschung & Entwicklung“?

Viele Bereiche der Bank tragen zur Innovation bei. Das Kernstück ist sicher unsere Digitalfabrik in Frankfurt-Sossenheim. Gestartet mit 400 Mitarbeitern und 50 zusätzlichen Arbeitsplätzen für Mitarbeiter der Kooperationspartner, zählt die Digitalfabrik mittlerweile mehr als 800 Mitarbeiter. Manche sitzen auch an anderen Standorten oder Entwicklungszentren der Bank in Pune und Bukarest. Zudem haben wir an den großen digitalen Hubs rund um den Globus Innovation Labs gegründet – darunter auch eines in Berlin. Hier hat sich ein sehr aktives Ökosystem entwickelt, das wir stark nutzen.

Haben Sie weitere Beispiele für neue Services?

Die Entwicklung geht kontinuierlich weiter. Abschließend nur zwei Beispiele. Beim Start von Apple Pay waren wir für Apple im Dezember 2018 der führende Bankpartner in Deutschland. Das digitale Bezahlen in Deutschland bekommt aktuell einen enormen Schub und wir sehen sehr schnell wachsende Nutzerzahlen. Wir haben in den ersten vier Wochen unsere Ziele für das gesamte Jahr 2019 erreicht. Ein anderes Beispiel ist Yunar. Diese App erleichtert die Nutzung und das aktive Management von Bonus- und Treueprogrammen. Yunar ist ein Start-up und eine hundertprozentige Tochter der Deutschen Bank mit Hauptsitz in Berlin. Die App gibt es seit Anfang 2019 kostenlos sowohl im Apple App Store als auch im Google Play Store. Eines ist klar: die Digitalisierung wird unseren Lebensstil und die Art, wie wir Bankgeschäfte betreiben, unaufhaltsam und in hohem Tempo verändern. Banken können dabei für ihre Kunden eine Lotsenfunktion übernehmen.

Harald Eisenach ist Sprecher der regionalen Geschäftsleitung, Leiter Firmenkunden Ost der Deutschen Bank und Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands des Ostdeutschen Bankenverbandes (OstBV).