Nora Baum, CFO Sonocrete GmbH
#ErfolgeOst
Die Betonflüsterer von Cottbus
Beton verursacht rund acht Prozent der menschengemachten CO2-Emissionen. Doch das Cottbuser Startup Sonocrete hat eine Ultraschall-Technologie entwickelt, die Emissionen und Zement-Einsatz deutlich reduziert. Aus jahrelanger Forschung entstand ein wachsendes Deeptech-Unternehmen. Die ersten Industrieanlagen laufen im In- und Ausland – und das Potential ist enorm.
In einem unscheinbaren Flachbau am Rande des Eichenparks von Cottbus stehen Container mit Edelstahlbehältern und Rührwerken, Fallhammer, Prüfmaschinen und jede Menge kleine Betonwürfel. Es riecht nach Sand, Kies, Zement und frischem Beton. Wo früher Stoffe gewebt wurden, entstehen heute Maschinen für klimafreundlicheren Beton: Das Team von Sonocrete konfiguriert hier Hochleistungs-Ultraschallanlagen für Kunden in halb Europa – abgestimmt auf die jeweiligen Rohstoffe und die Anforderungen des gewünschten Betons.
Nora Baum führt gern durch die von Oberlichtern erhellten Räume der ehemaligen Tuchfabrik und erzählt vom Hochlauf des jungen Unternehmens. „Wir haben die wissenschaftlichen Grundlagen erforscht, verstanden und patentiert“, sagt die 44-Jährige. Mittlerweile laufen die ersten sechs Anlagen – unter anderem in einem Betonelementewerk in Nordrhein-Westfalen, im Traditions-Betonwerk von Mattig & Lindner in Forst, bei Bosch Beton in den Niederlanden und beim spanischen Konzern Consolis Tecnyconta in Zaragoza. Auch beim Bau eines Instandsetzungswerkes der Deutschen Bahn in Cottbus kam die Technologie zum Einsatz. Drei weitere Sonocrete-Maschinen sind bereits bestellt und werden in Kürze ausgeliefert. „Deutschland ist allerdings ein schweres Pflaster“, erzählt Nora Baum. „In anderen Ländern Europas geht die Entwicklung schneller.“ Gerade seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus, der Abschwächung des Green Deal der EU und dem Ende der Ampel-Koalition beobachtet Baum eine große Zurückhaltung in der Branche.
Tüftler im Großraum in der alten Tuchfabrik
Beton maßgeschneidert – made by Sonocrete
Seit 2020 verantwortet sie als CFO bei Sonocrete Finanzen und Vermarktung. Absehbar war ihr Weg in die Welt von Zement, Kies und Beton zu Beginn ihrer Laufbahn nicht: Baum studierte Soziologie, Politikwissenschaft und Betriebswirtschaft, promovierte über E-Commerce im Handwerk, arbeitete als Beraterin bei McKinsey und gründete das Startup Pattarina: Die Technologie übertrug digitalisierte Schnittmuster per Smartphone-App und Augmented Reality auf Stoffe. Doch die Finanzierung brach in der Corona-Pandemie weg.
Zur gleichen Zeit lernte Baum, die der Familie zuliebe in ihre Heimat zurückkehrte, Ricardo Remus kennen. Der Baustoffexperte hatte an der Bauhaus-Universität Weimar unter Betreuung der Wissenschaftlerin Christiane Rößler über ultraschallgestützte Betonherstellung promoviert. Nach rund zwölf Jahren Forschungsarbeit gründeten beide 2018 Sonocrete als Spin-off der Uni. Der Name: ein Wortspiel aus Sonografie und dem englischen concrete für Beton. Das Team ist mittlerweile auf 23 Köpfe gewachsen, darunter vor allem Bauingenieure, Betontechnologen, Maschinenbauer und Informatiker. Sie haben eine Reihe Gründer- und Innovationspreise gewonnen und werden als Vorzeigebeispiel beim Wandel der Lausitzer Kohleregion gefeiert. Gerade hat das Startup zudem eine neue Finanzierungsrunde mit privaten Business Angels abgeschlossen. 2028, so der Plan, will das Unternehmen 20 bis zu 30 Anlagen im Jahr verkaufen und eine schwarze Null schreiben.
Sonocrete-Prototype im Einsatz
Das Team von Sonocrete
In erster Linie verkauft Sonocrete seine Maschinen an Beton- und Fertigteilwerke. Durch den Ultraschall lässt sich die Aushärtung des Betons deutlich beschleunigen. Mit weniger Zement und klimafreundlicheren Sorten entsteht in kürzerer Zeit ein ebenso hochwertiger Beton mit hoher Druckfestigkeit wie mit Premium-Zement. Der Ultraschall erzeugt winzige Wasserdampfbläschen, deren Implosion enorme Kräfte freisetzt. Um diesen Effekt zu nutzen, muss nicht der gesamte Beton beschallt werden. Es genügt eine Beimischung von etwa zwei Prozent. Diese sogenannte Slurry wird in einer Vormischanlage mit Hochleistungs-Ultraschallgeräten produziert. Die Sonocrete-Technik passt in zwei Container und wird in die reguläre Betonproduktion integriert. „Man braucht nicht viel“, sagt Baum. Etwa 50 Kilo des beschallten Gemischs genügen für einen Kubikmeter Beton. Die Treibhausgasemissionen lassen sich mit der Technologie dennoch um mehr als 30 Prozent senken.
Da vorerst nur große Betonwerke die Anschaffungskosten von 500.000 Euro tragen, bereitet Sonocrete jetzt auch das Modell eines „Sono-Hubs“ in Cottbus vor. Die hauseigene Anlage soll auch kleine Firmen mit beschalltem Betongemisch beliefern. Ab nächstem Jahr könnten solche Hubs an mehreren Standorten entstehen.
An klimafreundlichem Beton arbeiten mittlerweile mehrere Unternehmen im Osten mit unterschiedlichen Ansätzen: Die Firma Ecoment bei Schkopau etwa setzt auf Filterstäube und Aschen aus dem Braunkohlekraftwerk Schkopau. Oliment aus Rötha bei Leipzig setzt mit einem patentierten Verfahren auf Magnesiumsilikat, das Kohlendioxid bindet, statt es freizusetzen. Das inzwischen 30-köpfige Team erhält dafür Unterstützung von der Bundesagentur für Sprunginnovationen „SPRIND“. Zur Grundsteinlegung für das Technikum betonte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU): „Gerade die Bauwirtschaft braucht neue Lösungen, um Klimaschutz und wirtschaftliche Stärke zu verbinden.“
Für Sonocrete sind solche Ansagen Rückenwind.
„Durch den Wandel der Kohleregion zu einem Standort für innovative Technologien gewinnt die Lausitz überregional an Aufmerksamkeit. Als junge, erfolgreiche Gründung profitieren wir davon: Wir erhalten hier mehr Aufmerksamkeit als in Startup-Hochburgen wie Berlin oder München und bekommen schneller Zugang zu Entscheidern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Auch die Nähe zu den Märkten in Osteuropa erweist sich als Vorteil – wir beliefern bereits erste Kunden in Tschechien.“
Nora Baum
CFO | Sonocrete GmbH
Interview und redaktionelle Bearbeitung durch: Sven Heitkamp | Freier Journalist | Leipzig
(Bildquellen: Annette Koroll)
Veröffentlicht: 25. Juni 2026
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