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Antje Bittner
Geschäftsführerin, SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH

#ErfolgeOst

Harnstoff für Europa

1915 entstehen die Reichsstickstoffwerke in Piesteritz bei Wittenberg. Mehr als 100 Jahre später liefert das Nachfolgeunternehmen noch immer chemische Grundstoffe für Industrie und Landwirtschaft in Europa – heute mit fast 1.000 Beschäftigten. Eine Treiberin des Erfolgs ist eine starke Frau an der Spitze: Antje Bittner.

Sie verschanzt sich nicht hinter Vorzimmern und Vorstandsschreibtischen – sie erwartet ihren Gast an einem frühen Märztag vor dem Eingang eines Campusgebäudes und blinzelt in die ersten Sonnenstrahlen des Jahres. „Man muss doch jeden Augenblick nutzen“, sagt Antje Bittner, die seit Mai 2023 eine von vier Geschäftsführern der SKW Stickstoffwerke Piesteritz ist – ein international führender Produzent von Ammoniak, Harnstoff und Düngemitteln mit 980 Beschäftigten in der Lutherstadt Wittenberg.

Die Geschäftsführerin und Vertriebsleiterin kennt das Haus von der Pike auf: Als gelernte Agrochemikerin und studierte Agraringenieurin mit Traktorführerschein begann sie im Herbst 1989 in der Forschungsabteilung – und nahm jede neue Aufgabe offen an. Sie startete in der Disposition im Vertrieb und arbeitete sich über immer neue Herausforderungen bis in die Führungsspitze vor. Eine Aufgabe, die sie mit viel Herzblut erfüllt. Im Besprechungszimmer erklärt Bittner mit spürbarer Leidenschaft eine ganze Reihe bunter Gläser und Röhren mit farbigen Flüssigkeiten: Produkte des Chemieunternehmens, entstanden in den riesigen Anlagen auf dem großen Werksgelände.

Ammoniakanlage

Rundlagerhalle mit Düngemitteln

Zur Produktionspalette gehören jährlich 1,5 Millionen Tonnen Harnstoff, der unter anderem für die Abgasreinigung mit AdBlue eingesetzt und für Klebstoffe in der europäischen Holzindustrie benötigt wird. „Kaum eine Spanplatte entsteht ohne unseren Harnstoff“, sagt Bittner. Hinzu kommen 1,2 Millionen Tonnen Ammoniak, das für Düngemittel sowie Kältemittel und Salpetersäure benötigt wird, die als Rohstoff für die Verteidigungsindustrie dient.

Insgesamt produziert das Unternehmen eine Million Tonnen feste und flüssige Düngemittel, darunter innovative, grüne Produkte wie den Allwetter-Harnstoffdünger Alzon neo-N. Durch den Einsatz von Biomethan als Rohstoff kann der CO2-Fußabdruck um bis zu 90 Prozent gegenüber konventionell hergestellten Düngemitteln verringert werden. Daneben steht der Universal-Stickstoffdünger Piamon33-S mit einem hohen Schwefelanteil. „Nutzpflanzen brauchen heute diesen Nährstoff, seit die Schwefeleinträge aus der Luft durch die Rauchgasentschwefelung und die Abschaltung der Kohlekraftwerke extrem gesunken sind“, erklärt Bittner. „Solche Düngemittelspezialitäten sind unser Alleinstellungsmerkmal.“

Doch die Branche ist anfällig für geopolitische Schocks. Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine musste einer der letzten deutschen Düngemittelhersteller die Produktion massiv drosseln und eine von zwei großen Ammoniakanlagen zeitweise abstellen – weil Russland den europäischen Markt mit billigeren Konkurrenzprodukten geflutet habe. Bis heute sei die Produktion noch nicht wieder auf dem Stand von vor dem Krieg. Denn ein Stickstoffwerk lebt in erster Linie von einem entscheidenden, aber hochbrisanten Grundstoff: Erdgas.

Messwarte

Harnstoffanlage

„Das Gas benötigen wir als Rohstoff wie der Bäcker das Mehl“, sagt Bittner. Importverbote, Embargos und das Verhältnis der EU zu Russland spielen daher für ihr Tagesgeschäft eine ebenso große Rolle wie Abgaben auf Energiepreise in Deutschland. Für die Gasspeicherumlage hätten die Wittenberger Stickstoffwerker als größter industrieller Verwender bis zu 40 Millionen Euro im Jahr bezahlt, erzählt die Geschäftsführerin. Dabei beziehen sie den heiklen Rohstoff über die Leipziger Verbundnetz-Gas VNG vor allem aus Norwegen sowie über amerikanisches LNG. 

Doch auch nach dem Wegfall der Gasspeicherumlage steht die Stickstoffindustrie unter enormen Druck durch wachsende CO2-Abgaben. Sollten die aktuellen Pläne der Bundesregierung umgesetzt werden, könnten die jährlichen Ausgaben in dem Bereich von aktuell 40 Millionen Euro in den nächsten Jahren auf 300 Millionen Euro steigen. „Wenn die Industrie weiterhin diese Summen zahlen muss, gerät sie in existenzielle Schwierigkeiten“, warnt Bittner. „Die Besteuerung muss abgeschafft werden, weil weder wir noch die Landwirte diese Preise bezahlen können.“

Mit Klimafeindlichkeit habe das nichts zu tun – im Gegenteil. Das Unternehmen habe seit der Wende kontinuierlich in die Reduzierung des eigenen CO2-Fußabdrucks investiert. „Bis 2045 wollen wir klimaneutral produzieren“, sagt Bittner. Zudem ist SKW Piesteritz heute einer der größten Produzenten von Wasserstoff und unterstützt den Hochlauf der nationalen H2-Wirtschaft. Vor kurzem haben die Wittenberger mit dem großen deutschen Gasimporteur Uniper vereinbart, ab nächstem Jahr eine Demonstrationsanlage zur Wasserstofferzeugung aus Ammoniak in Gelsenkirchen zu beliefern. Der industrielle Cracker gilt als eine der ersten und größten Anlagen ihrer Art und könnte künftig eine Schlüsseltechnologie für den globalen Wasserstoffhandel bilden.

Verladung bei SKW

Tanks

Innovation gehört zur DNA des Unternehmens. Mehr als 60 Beschäftigte arbeiten in Forschung und Entwicklung, unter anderem auf großen landwirtschaftlichen Versuchsflächen und in Gewächshäusern bei Leipzig. „Alle unsere Düngemittel haben wir selbst entwickelt“, betont Bittner. In seiner Geschichte hat das Unternehmen mehr als 100 Patente angemeldet, und seit der vollständigen Übernahme durch den tschechischen Agrofert-Konzern 2005 sind rund 1,5 Milliarden Euro in den Standort geflossen – so entstanden mehrere neue Anlagen zur Erweiterung der Spezialitätenpalette.

Dabei sind die Stickstoffwerke Piesteritz, die rund um die Uhr produzieren, ein bodenständiger Arbeitgeber zwischen Tradition und Moderne geblieben: Sie betreiben drei Betriebskindergärten und einen Hort, ein Gesundheits- und Sportzentrum mit Fitnessgeräten, Pilates und Yoga, auch niedergelassene Ärzte mehrerer Disziplinen haben sich im Medicum niedergelassen. Bittner setzt sich zudem für Frauen in Führungspositionen ein – weil sie sich oft zu wenig zutrauen würden. „Frauen müssen Frauen Mut machen“, sagt Antje Bittner. „Das tue ich auch.“ Bis 2030 will die 63-jährige Geschäftsführerin eine geräuschlose Übergabe gestalten. „Ich will nicht zu jenen gehören“, sagt sie, „die nicht loslassen können.“

„Piesteritz ist unsere Heimat seit 1915. Wir sind ein bodenständiges Unternehmen und bei der Bevölkerung ebenso tief verwurzelt wie bei den Wissenschaftseinrichtungen Sachsen-Anhalts. Drei von vier Geschäftsführern stammen aus Mitteldeutschland, und unser Mutterkonzern hat bereits mehr als 1,5 Milliarden Euro in Innovationen investiert. Als einer der größten Arbeitgeber der Region bekommen wir jederzeit starken Rückenwind von der Politik. Die Landesregierung kämpft für uns, und wir kämpfen für die Region. Der Standort ist unser Baby.“

Antje Bittner
Geschäftsführerin | SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH

Interview und redaktionelle Bearbeitung durch: Sven Heitkamp | Freier Journalist | Leipzig
(Bildquellen: © Agro-Chemie Park / Fotograf Kay Herschelmann)

Veröffentlicht: 26. März 2026

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