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#ErfolgeOst

Biotop in Flaschen

Das Berliner Unternehmen OSTMOST produziert Säfte und Schorlen aus alten Apfelsorten, die auf Streuobstwiesen in Ostdeutschland wachsen. Ein Lifestyle-Produkt, das Wirtschaftskreisläufe verändern will, sagt ihr Gründer und Geschäftsführer Dennis Meier.

Manchmal kann aus einer gut gemeinten Idee zur Rettung der Welt auch ein gut gemachtes Geschäftsmodell werden. Das junge Berliner Unternehmen OSTMOST schreibt gerade so eine Erfolgsgeschichte. Vor rund zehn Jahren waren Gründer Dennis Meier und sein Kompagnon Bernd Schock, der im Umweltsponsoring arbeitete, öfter im Berliner Umland unterwegs. Sie bedauerten, dass es viel zu wenig blühende Landschaften gab und beschlossen, etwas Neues zu tun: auf regionalen Bio-Streuobstwiesen ein nachhaltiges Produkt zu schaffen, das dabei hilft, die Artenvielfalt in die Region zurückzubringen und die Berlinerinnen und Berliner aus einer Art grünem Gürtel um die Hauptstadt mit hochwertigen Getränken zu versorgen. Naturschutz in Flaschen.

„Bernd ist ein Visionär, ich kann sehr gut umsetzen“, sagt Meier, 49, ein studierter Sozialwissenschaftler und Betriebswirt, ehemaliger Existenzgründungscoach der KfW und früherer Inhaber einer Event- und Promotionagentur. „So haben wir uns wunderbar ergänzt und 2014 die Firma gegründet.“ Heut hat OSTMOST ein Dutzend Mitarbeiter, beschäftigt eine Handvoll Freiberufler und einen Verein mit weiteren drei Angestellten. Das Unternehmen verkauft dieses Jahr rund drei Millionen Flaschen Saft, Schorle und Cider verschiedener Fruchtsorten und Geschmacksrichtungen, zuckerfrei und vegan. Die Abnehmer sind Berliner Eckkneipen ebenso wie der nationale Biomarkthandel Denn’s mit bundesweit mehr als 350 Filialen. Und die Wachstumsraten sind bemerkenswert: Voriges Jahr gingen noch zwei Millionen Flaschen über die Tresen und Theken. In fünf Jahren sollen es bis zu 40 Millionen Flaschen sein, sagt Meier, der sein Büro in der alten Badewannenfabrik in der Moosdorfstraße am Treptower Park hat.

Die Basis aller Getränke sind handgeerntete, alte Apfelsorten von naturbelassenen, ökozertifizierten Streuobstwiesen. Auch Gemüse, Kräuter und Beerenobst von Bioäckern fließen mit ein. Im Unterschied zum konventionell betriebenen Massenanbau bieten Streuobstwiesen Tausenden Tier- und Pflanzenarten eine Heimat und zählen zu den artenreichsten Biotopen Mitteleuropas. „Streuobstwiesen sind die kleinen Regenwälder Deutschlands“, sagt Meier. Dabei seien seit den 50er Jahren bis in die 70er Jahre staatliche Prämien für die Rodung verstreut stehender Obstbäume auf fruchtbaren Wiesen gezahlt worden, um den Plantagenanbau zu fördern. Doch das ist Geschichte.

Heute stammen die OSTMOST-Äpfel nicht nur aus dem Berliner Umland, sondern von mehr als 1000 Erzeugern zwischen Ostsee und Erzgebirge. Kleine Familienbetriebe mit nur ein paar Bäumen sind ebenso darunter wie große Biohöfe in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Sogar Produzenten etwa in Baden-Württemberg steuern jetzt Beiträge zu. Sie alle liefern ihr Obst an die Bio-Kelterei und Lohnabfüllung von Harald Elm im hessischen Flieden unweit der Thüringer Rhön. Elm gehörte zeitweise sogar zu den OSTMOST-Gesellschaftern, jetzt sind sie noch Kooperationspartner. 

Der Berliner „Saft-Laden“ legt dabei Wert darauf, seine Streuobst-Landwirte für den Rohstoff Apfel gut zu bezahlen. „Im konventionellen Anbau sind etwa acht Euro für 100 Kilogramm Obst üblich. Wir zahlen für biozertifiziertes Obst 16 Euro pro 100 Kilo“, sagt Meier. „Punktuell sogar schon bis zu 32 Euro.“ Mit solchen Erlösen lohne es sich für die Landwirte, die Wiesen und Bäume zu schützen und zu pflegen. Um das Geschäftsmodell und den Vertrieb auszubauen, hat das Team voriges Jahr eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, die die Kassen gefüllt hat. Mehr als 1,5 Millionen Euro wurden von mehr als 1000 Privatpersonen eingespielt. Kein Wunder: OSTMOST versprach neben einer guten Idee sieben Prozent Dividende, die nun auf ganz natürliche Weise verdient werden müssen.

Beteiligt am Unternehmen sind neben den zwei weiteren Gesellschaftern Paul Döcker und Lukas Küttner auch Business Angels wie Matthias Helfrich aus Wiesbaden, prämiert als Business Angels des Jahres 2021, und die Berliner Investitionsbank IBB über einen Intermediär. Die Bank sprang den Gründern während der Corona-Pandemie zur Seite, denn seinerzeit wurde OSTMOST vor allem in der Berliner Gastronomie getrunken – im Lockdown ein Riesenproblem. Inzwischen machen die Bioläden ein Drittel des Umsatzes aus, auch Gastronomen in Leipzig und Dresden sind mittlerweile dabei, und der Vertrieb wird derzeit weiter ausgebaut. Sollte OSTMOST die angepeilte Zielmarke von 40 Millionen Flaschen erreichen, würde der Absatz in eine Liga mit der populären Westlimo Bionade aufsteigen.

„Unser oberstes Anliegen ist aber nicht der Umsatz, sondern der Mehrwert des Produktes“, sagt Meier. „Wir wollen die Situation der Streuobstwiesen in Deutschland als wertvolle Biotope verbessern.“ Eine substanzielle Veränderung sei nur in diesen Größenordnungen möglich. Meier: „Wir wollen mit intelligentem Unternehmertum und einem leichten Lifestyle-Produkt ein umweltpolitisches Ziel erreichen und Wirtschaftskreisläufe zum Positiven verändern.“

Neben dem bloßen Erhalt vorhandener Obstwiesen geht es auch um deren biologische Bewirtschaftung für den OSTMOST-Anbau – ganz ohne Pflanzengifte. Auch große neue Wiesen wurden schon angelegt. Parallel kümmert sich der gemeinnützige Verein „Äpfel & Konsorten“ mit Freiwilligen um die Pflege und den weiteren Aufbau von Streuobstwiesen, die Anpflanzung, den Baumschnitt und die Ernte wie auch die Öffentlichkeitsarbeit. Eine erfolgreiche Karriere habe er schon gehabt, sagt Meier. Jetzt gehe es ihm darum, etwas gesellschaftlich Sinnvolles zu tun.

„Die Gründung von OSTMOST in Berlin lag auf der Hand, denn wir kommen aus Berlin. Zwei der heutigen drei Gesellschafter sind gebürtige Berliner, und ich lebe seit 18 Jahren hier. Unser Ausgangspunkt war die Idee, einen grünen Gürtel mit Äpfeln von Streuobstwiesen um Berlin zu pflanzen, um ökologisch wertvolle Produkte für die Hauptstadt anbieten zu können. Inzwischen sind wir weit über die Grundidee hinausgewachsen: mit national erhältlichen Getränken aus dem ganzen Osten und sogar aus dem Westen.“

Dennis Meier
Gründer und Geschäftsführer

Interview und redaktionelle Bearbeitung durch: Sven Heitkamp | Freier Journalist | Leipzig
(Bildquellen: Ostmost)

Veröffentlicht: 12. Oktober 2023

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