Peter Ledermann, Vorstand von Unite
#ErfolgeOst
Ein neues Headquarter im Osten
30 Millionen Artikel auf dem deutschen Marktplatz, 40.000 aktive Kunden in zwölf europäischen Ländern, mehr als 700 Mitarbeiter: Unite ist eine der größten europäischen Beschaffungsplattformen für Unternehmen und die öffentliche Hand – transparent und unabhängig, regelkonform, effizient und resilient. Und der Vorstand geht außergewöhnliche Wege. Im Jahr 2000 in München als Mercateo gegründet, orientierte sich das Unternehmen Richtung Osten – und eröffnete 2023 sein neues Headquarter in Leipzig.
Am Johannisplatz am Rande der Leipziger Innenstadt steht ein repräsentatives Bürohaus mit hellen Fassaden und Hunderten Fenstern auf sieben Etagen. Das moderne Gebäude dient einem ganz besonderen Unternehmen als Firmensitz: Unite, eine europäische Beschaffungsplattform für Geschäftskunden. Dabei war das E-Commerce-Unternehmen im Jahr 2000 von fünf ehemaligen Beratern des McKinsey-Konzerns in München gegründet worden. Doch mittlerweile ist das einstige Start-up mit dem früheren Namen Mercateo auf rund 700 Mitarbeitende gewachsen – und als eine der wenigen erfolgreichen Gründungen Westdeutschlands in den Osten gezogen.
„Wir haben den Firmensitz 2019 bewusst nach Leipzig verlegt, weil sich dort ein großer Teil unseres Geschäfts abspielt“, sagt Vorstand Peter Ledermann. „Das sehen wir ganz pragmatisch.“ Dass die Unite-Vorstände und Gründer mit ihren Familien weiterhin in München leben, wo noch knapp 50 Mitarbeiter ansässig sind, spielte für die Standortentscheidung keine Rolle. Hinzu kommt: Weitere 230 Mitarbeiter sitzen im gut 60 Kilometer entfernten Köthen und arbeiten eng mit den Leipzigern zusammen. Täglich pendeln zwei kleine Shuttlebusse zwischen den Standorten hin und her.
Unite bietet eine Einkaufsplattform ausschließlich für Firmenkunden und ist mit dem Geschäftsmodell in zwölf europäischen Ländern aktiv. „Wir machen die Beschaffung für Unternehmen und Organisationen einfacher und effizienter“, sagt Ledermann. Das Unternehmen betreibt dafür keine eigenen Lager und keine Logistik, sondern vermittelt zwischen Kunden und Lieferanten, mit denen Verträge bestehen. Damit verbunden seien viele Services, Aufgaben, Dienstleistungen und Rechtsfragen innerhalb der EU. „Wir haben in vielen Bereichen höhere Anforderungen als im Privatkundengeschäft“, sagt Ledermann.
Auf der Unite-Plattform wird auch das Mercateo-Portal mit dem B2B-Marktplatz betrieben. Dort decken Unternehmen und Kunden aus dem öffentlichen Sektor schnell und einfach ihre Bedarfe wie Büroausstattung, IT oder medizinische Spezialprodukte ab. Die Nutzer können aus der Beschaffungsplattform auf den Marktplatz zugreifen und dort eine Vielzahl neuer Lieferanten entdecken. Danach können Einkäufer neue Anbieter in ihre digitalen Beschaffungsprozesse integrieren. Allein auf dem deutschen Marktplatz seien mehr als 30 Millionen Artikel von rund 900 Lieferanten zu finden. International sind 117 Millionen Artikel von etwa 86.000 Herstellern gelistet, so Ledermann. Etwa 40.000 aktive Kunden aus den Bereichen B2B und B2G nutzen Unite.
Langfristig plant das Unternehmen von bis zu 1000 Mitarbeitende am Standort Leipzig.
Unter dem Namen “Netzwerk” wird das Gebäude im Sommer der neue Firmensitz von Unite. (Bildquelle: OFB Projektentwicklung)
Um den Umzug nach Leipzig zu verstehen, muss man die Geschichte von Mercateo und Unite kennen: 2003 übernehmen der Mitgründer und heutige CEO Sebastian Wieser sowie Peter Ledermann die Regie im jungen Unternehmen. Bald stellen sie die New-Economy-Gründung neu auf, fahren die Mitarbeiterzahl zunächst von 130 auf fünf herunter und starten mit ihrem Marktplatzmodell neu durch. Dabei kommen sie mit der Wirtschaftsförderung Sachsen-Anhalt ins Gespräch, die seinerzeit Förderung für Gehälter anbot. „Mit diesem Modell konnten wir neue Leute aufbauen“, erzählt Ledermann. Am Aschermittwoch 2004 legten sie in Köthen los. „Wir haben dort sehr gut ausgebildete Leute gefunden.“ Bald stiegen Finanzinvestoren ein, sodass den Vorständen Wieser und Ledermann heute noch fast die Hälfte ihrer Firma gehört.
2011 beginnt zusätzlich der Aufbau in Leipzig, weil die Fachleute in Köthen knapp werden. Mercateo heuert die ersten drei Mitarbeiter in der Messestadt an, die bis heute dabei sind. Nach und nach wächst der Standort. Auch die Führungsebenen unterhalb des Vorstandes etablieren sich in Leipzig und Köthen. „Irgendwann haben wir gesagt: Ein Hauptsitz in München macht kaum noch Sinn“, erzählt Ledermann. Außerdem passe die bürgerlich-bodenständige Handelsstadt Leipzig mit ihrem Wachstums- und Innovationsgeist ideal zum Wertesystem des Unternehmens. „Da war die Verlegung ein ganz logischer Schritt.“ Ende 2019 verkündet Ledermann den Umzug. Für die Stadt ein „Sechser im Lotto“, wie Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) seinerzeit sagte.
Mit Ost oder West hatte der Umzug indes nichts zu tun. „In der Unternehmenskultur besteht für uns kein Unterschied“, betont Ledermann, der einst Prokurist für Personal und Vertrieb im E.ON-Konzern war. Der bald 60-jährige Betriebswirt war Ende 2000 mit der Beteiligung E.ONs an Mercateo in den Vorstand des jungen E-Commerce-Unternehmens aufgerückt. Weder in München noch in Leipzig gebe es große Chefzimmer und Vorzimmerdamen. An allen Standorten seien alle Unternehmensbereiche von der IT über Vertriebsexperten, Lieferantenmanager und Kundenbetreuer vertreten, damit alle Abteilungen und Ebenen gut zusammenarbeiten können.
André Schwarz, Leiter Politik und Kooperationen bei Unite
André Schwarz, Leiter Politik und Kooperationen bei Unite, wünscht sich manchmal allerdings etwas mehr Wahrnehmung von Regierungen und Verwaltungen für die herausragende Ansiedlung. „Wir bauen in Leipzig leise etwas auf, das politisch eigentlich laut gefeiert werden müsste: eine europäische digitale Marktinfrastruktur für öffentliche Beschaffung, die zur Datensouveränität beiträgt, die Haushaltslage der öffentlichen Hand verbessern kann und KI als Beschleuniger echter Prozesslogik nutzt.“ Die Organisation der Beschaffung sei einer der größten Hebel für Staatsmodernisierung, da die öffentliche Hand in Deutschland jährlich etwa 300 Milliarden Euro dafür ausgibt. Ein erheblicher Teil davon seien wiederkehrende Standardbedarfe, die nach wie vor mit hohem Aufwand abgewickelt würden. „Der größte Kostenfaktor ist nicht der Preis – es ist der Prozess“, sagt Schwarz. Wer diese Hürde nehme, gewinne viel an digitaler Souveränität, Haushaltsstabilität und moderner Verwaltung. Schwarz: „Beschaffung ist nicht nur ein Verwaltungsthema, sondern strategische EU-Politik – und in Leipzig besteht ein europäisches Gegenmodell zu US-amerikanischen und asiatischen Digitalunternehmen.“
In den kommenden Jahren hofft Unite daher auf weiteres Wachstum. Allein 2025 stieg der Umsatz um fast vier Prozent auf 465 Millionen Euro. Die Zahl der Beschäftigten könnte künftig auf bis zu 1.000 wachsen – auch wenn nur rund 500 Schreibtische in Leipzig stehen. Denn angesichts zunehmender Homeoffice-Beschäftigung wird jeder Schreibtisch mittlerweile mehrfach belegt. Das passt zum nachhaltigen Ansatz des Firmensitzes. Er ist nach dem Goldstandard der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen zertifiziert. Der ideale Rahmen für eine Erfolgsgeschichte, die nun in Leipzig fortgeschrieben wird.
Interview und redaktionelle Bearbeitung durch: Sven Heitkamp | Freier Journalist | Leipzig
(Bildquellen: Unite und OFB Projektentwicklung)
Veröffentlicht (neu, nach Bearbeitung): 29. April 2026
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