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Unternehmensgründerin und Geschäftsführerin
Anne-Christin Bansleben (Fotocredits: feinesbild)

#ErfolgeOst

Revolution aus der Rhabarberwurzel

deepmello aus Sachsen-Anhalt hat ein Verfahren zum biologischen Gerben von Leder entwickelt und weltweit patentieren lassen. In Branchen wie Mode, Möbel und Mobilität wächst die Nachfrage. Die Palette der Möglichkeiten zeigt ein Conceptstore in Leipzig. Ein Ortsbesuch.

Anne-Christin Bansleben führt mit einem Lächeln durch ihren Conceptstore im Leipziger Szeneviertel Plagwitz. Sie zeigt Handtaschen, Schuhe und Shirts im klassischen Design und unterschiedlichen Farben – und aus einem Bioleder, das aus ihrer eigenen Produktion stammt. Bansleben ist nicht nur die Inhaberin des deepmello-Labelladens. Sie ist zugleich Gründerin und Geschäftsführerin der „rhubarb technology“ mit Sitz in Teutschenthal in Sachsen-Anhalt. Sie hat das Gerben von Leder mit Rhabarber erfunden.

Statt wie sonst üblich mit Chrom wird das deepmello-Leder mit einem natürlichen Stoff aus der Wurzel der Rhabarberpflanze gegerbt – ganz ohne chemische Schadstoffe. Dank dieses ökologischen Verfahrens ist ihr Naturprodukt nicht nur langlebig und nachhaltig, es sieht auch natürlicher aus und fühlt sich besonders weich an. Der Name deepmello steht nicht umsonst für „tiefzart“.

Zu den Kund/innen von deepmello zählen mittlerweile internationale Möbel- und Schuhhersteller, die Mode- und die Autoindustrie, unter ihnen Luxusmarken wie Balenciaga aus Frankreich und Off White aus Italien wie auch das deutsche Schuhlabel Trippen und die dänische Marke Nature Footwear. Der Großteil ihrer Kund/innen sitzt dabei nicht in Deutschland, sondern unter anderem in Skandinavien und Frankreich, in den USA und in Asien, erzählt Anne-Christin Bansleben. Im Laden präsentiert sie zum Beispiel einen weißen Sneaker aus den USA und zwei Sessel eines polnischen Möbel-Designers. „In Deutschland gehen die Türen für Neues nicht so schnell auf“, erzählt die Gründerin. „In anderen Ländern laufen solche Innovationsprozesse schneller ab.“

Der Leipziger Conzeptstore im Szeneviertel Plagwitz dient als Aushängeschild, um zu zeigen, was alles möglich ist.

Unter anderem werden im Laden auch eigene Kreationen entwickelt und von regionalen Unternehmen gefertigt, um das Rhabarberleder noch bekannter zu machen.

Dank der internationalen Nachfrage wächst ihre Produktion beständig: Seit der Gründung der Firma vor zwölf Jahren habe sich die verarbeitete Menge an Rhabarberwurzeln verfünfzigfacht, erzählt Bansleben. Der Umsatz des Unternehmens sei mittlerweile in den unteren Millionenbereich geklettert. Im Vergleich zu Billigproduktionen aus Asien, die unter ökologisch und sozial fragwürdigen Bedingungen ablaufen, sei das deepmello-Leder zwar etwa doppelt so teuer. Doch im Verhältnis zu konventionellen Anbietern in Europa mit höheren Standards sei es durchaus konkurrenzfähig. „Die Nachfrage nach ökologisch und sozial nachhaltigen Produkten und Produktionsverfahren wächst in allen Branchen“, sagt Bansleben. „Wir bekommen dieses Bedürfnis der Kunden und der Unternehmen immer mehr zu spüren.“

Entstanden ist das Unternehmen nicht etwa auf einer hippen Biotech-Startup-Rampe in Berlin, sondern im Labor der Hochschule Anhalt. Anne-Christin Bansleben und ihr Ehemann und Mitgründer David Bansleben studierten Ende der 90er Jahre Ökotrophologie in Bernburg und arbeiteten nach dem Diplom jahrelang in der Forschungsgruppe ihres Professors Ingo Schellenberg. „Wir haben in verschiedenen Projekten die Anwendungsmöglichkeiten von Pflanzeninhaltsstoffen untersucht und daraus Produkte entwickelt“, erzählt die 44-Jährige. Rhabarber war dabei schon immer eines der Steckenpferde der Hochschule, zeitweise wurden mehr als 40 verschiedene Sorten auf den hauseigenen Versuchsfeldern angebaut.

Das Leder von deepmello wird mit einem natürlichen Stoff aus der Wurzel der Rhabarberpflanze gegerbt.

Die Produkte sind dank des natürlichen Gerbeverfahrens auch biologisch abbaubar.

Im Zuge ihrer Forschungen sahen die Banslebens, dass Polyphenole aus der Rhabarberwurzel für das Gerben von Leder bestens geeignet sind. „Mit dieser Entdeckung entstand die Idee für unser Unternehmen“, erzählt die Gründerin. „Unser Ziel war eine Lösung, die im industriellen Maßstab eingesetzt werden kann, ohne dass die sonst üblichen Produktionsanlagen und Prozesse umgestellt werden müssen.“ 2010 hob das junge Paar deepmello aus der Taufe, Professor Schellenberg wurde einer der Gründerväter und Gesellschafter. 2013 quittiert die Forscherin den sicheren Job an ihrer Hochschule, um sich ganz ihrer eignen Firma zu widmen, 2014 folgt auch ihr Mann. Fördermittel hätten sie seinerzeit für ihr Projekt nicht bekommen. „Wir galten als Exoten, unsere Idee war für Investoren nicht richtig greifbar“, erzählt sie. Stattdessen investieren sie ihr privates Kapital und verkaufen sogar das Auto, um wachsen zu können. Mittlerweile sei eine Beteiligungsgesellschaft aus Sachsen-Anhalt als stiller Teilhaber mit ins Unternehmen eingestiegen.

Ihre streng geheime Rezeptur haben sich die Banslebens weltweit schützen lassen. „rhubarb technology“ sind damit die einzigen Anbieter auf dem internationalen Markt. Ihre gesamte Wertschöpfungskette verläuft aber in Deutschland: Der Rhabarber wird heute bei mehreren Betrieben in Sachsen-Anhalt angebaut, unter anderem an der Hochschule. Die flüssige Gerblösung aus der Wurzel produziert ein Extraktions-Unternehmen in Sachsen und liefert sie in großen Fässern an. Die Rinderhäute stammen von Biohöfen und anderen artgerecht arbeitenden Milchvieh- und Fleischbetrieben. Das eigentliche Gerben, um die rohe, verderbliche Tierhaut in widerstandsfähiges, weiches Leder zu verwandeln, übernimmt eine der bundesweit größten Gerbereien in Süddeutschland auf einem eigenen Produktionsstrang, der nicht mit Chrom in Berührung kommt.Unser Bioleder wird nach dem Gerben auch nicht mit einer Kunststoffschicht überzogen“, betont Bansleben. „Damit bleibt es atmungsaktiv und biologisch abbaubar.“

Das Unternehmen ist inzwischen auf acht Mitarbeitende angewachsen. Sie kümmern sich um Forschung und Entwicklung, den Vertrieb, die Produktion und das Ladengeschäft. Der Conceptstore dient deepmello dabei als Aushängeschild, um zu zeigen, was alles möglich ist. Anne-Christin Bansleben lies zum Beispiel von jungen, erfolgreichen Designerinnen und Designern wie Esther Perbandt aus Berlin eigene Kreationen entwickeln und von regionalen Unternehmen wie einer Täschnerei in Sangerhausen fertigen. „Als Quereinsteiger suchen wir neue Wege, um das Rhabarberleder noch bekannter zu machen“, sagt sie. „In den kommenden Jahren wollen wir in allen Branchen von Automotive über Interieur und Fashion bis zu Schuhen international gut sichtbar vertreten sein.“

Interview und redaktionelle Bearbeitung durch: Sven Heitkamp | Freier Journalist | Leipzig

(Bildquellen: deepmello)

Veröffentlicht: 01. November 2022

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