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#FridayThoughts

Europäische Souveränität – Risikomanagement neu denken

Freier Welthandel? Ja, aber nicht um jeden Preis

Mit der Zeitenwende ändern sich grundlegende Strukturen der globalen Ordnung: In Außen- und Sicherheitspolitik, aber auch in der Wirtschaft. Nach 30 Jahren weltweiter Liberalisierung sind internationale Wertschöpfungsketten entstanden, deren Leistungsfähigkeit und Effizienz historisch oftmals unübertroffen sind: Ganze Weltregionen wurden zum Teil aus der Armut befreit.

Allerdings kommen nunmehr auch die Schattenseiten zum Vorschein: Unterschiedliche Wertvorstellungen und Konflikte steigern das Risiko einer politischen Eskalation. Die Energiekrise nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine bildete eine drastische Abbruchkante für die Weltwirtschaft: Vor allem in Europa gab es berechtigte Zweifel, ob Teile der industriellen Produktion heruntergefahren werden müssten. Auch wenn sich die Lage bisher nicht weiter zugespitzt hat: Zurück bleibt eine tiefe Verunsicherung. Wann und wo könnten uns im nächsten Konflikt entscheidende Bestandteile fehlen? Welche gesellschaftlichen Instabilitäten könnten losgetreten werden?

Was ist Europäische Souveränität?

Andererseits wachsen auch die Befürchtungen, es könnte vor dem Hintergrund der globalen Spannungen zu Abschottungstendenzen kommen. Es kommt daher sehr darauf an, die Ziele für eine Europäische Souveränität im Rahmen der EU-Industriestrategie richtig auszurichten.

Europäische Souveränität bedeutet, dass auch in der Ökonomie gilt, was aus der Betriebswirtschaftslehre schon lange bekannt ist: Zulieferer dürfen nicht allein nach dem besten Preis ausgewählt werden. Auch Risiken müssen in wirtschaftlichen Entscheidungen ihre angemessene Beachtung finden. Weder Politik noch Unternehmen dürfen künftig von Autokraten erpressbar werden. Die Verwerfungen seit der Corona-Pandemie verdeutlichten, welche unkalkulierbaren Kosten für Unternehmen und Gesellschaft entstehen können, wenn es zu Lieferantenausfällen kommt. Betriebe sahen sich gezwungen, streckenweise ihre gesamte Produktion anzuhalten.

Die Energiekrise ist aus dieser Perspektive nur ein Spezialfall eines schlagend gewordenen politischen Risikos. Weitere Abhängigkeiten insbesondere zu autokratischen Staaten bestehen zum Beispiel bei Halbleitern, bestimmten Rohstoffen, in der künstlichen Intelligenz und Cybersicherheit, bei kritischen Chemikalien, im Cloud- und Edge-Computing, bei Weltraumtechnologien oder im Rüstungssektor.

Zweifellos ist in vielen Betrieben das Bewusstsein für politische Risiken gestiegen. Doch in welchen Beschaffungs-, Produktions-, und Absatzmärkten bestehen welche Gefahren? Es müssen Ziele definiert und Umsetzungsschritte entwickelt werden.

Ein neues Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft

Weder Wirtschaft noch Politik können die Aufgabe allein schultern. Viel mehr braucht es eine neue Form der Zusammenarbeit von beiden Seiten. Das Fehlen welcher Güter kritische Auswirkungen auf Staat und Gesellschaft haben kann, wird die Politik ohne die Unternehmen nicht ermitteln können. Andererseits braucht insbesondere der Mittelstand die Unterstützung staatlicher Stellen bei der Ermittlung politischer Risiken weltweit.

Gerade für kleinere und mittlere Unternehmen verbietet sich eine detaillierte Recherche oftmals aus Kostengründen. Deswegen machen die Skaleneffekte einer zentralen Recherche hier einen Unterschied. Hinzu kommt: Die Veränderungsgeschwindigkeit der Weltwirtschaft verlangt nach einer dynamischen Analyse. Gefährdungslagen verändern sich, neue Technologien schaffen bestehende Abhängigkeiten ab und erzeugen neue, das Konsumverhalten setzt neue Prioritäten. Politik und Wirtschaft brauchen also einen revolvierenden Prozess, um die Anforderungen an die Europäische Souveränität jederzeit akkurat zu erfassen.

Auch marktspezifische Besonderheiten sind zu berücksichtigen: Einen verlässlichen, aber teureren Lieferanten einzubinden, kann Risiken reduzieren. Doch der Preiswettbewerb setzt dem Risikomanagement einzelner Unternehmen ökonomische Grenzen. Die Folgen können dramatisch sein, wie der Bedarf nach teilweise einfachen Gesundheitsgütern zu Beginn der Pandemiejahre zeigte. Es stellt sich also die Frage nach der Kostenübernahme, insbesondere, wenn eine Risikoreduzierung z.B. durch Onshoring, Friendshoring oder Nearshoring im gesamtgesellschaftlichen Interesse ist. Öffentliche Unterstützung ist dabei ein Mittel, dem sich die Wirtschaftspolitik nicht gänzlich verschließen sollte. Allerdings setzt dies ein EU-Wettbewerbsrecht voraus, das an die aktuellen Umstände angepasst ist.

Abhängigkeiten bleiben – aber zu wem?

Europa wird sich nicht vom Rest der Welt abschotten können. Dies ist auch nicht nötig. Vor allem mit Blick auf China stellt sich in den Unternehmen jedoch zunehmend die Frage, wie ein richtiger Umgang aussehen könnte. Aus deutscher Sicht gilt dabei zu berücksichtigen: Deutsche Unternehmen sind oftmals nur die Schnittstelle im China-Geschäft. Es greift zu kurz, Deutschland eine besonders hohe Abhängigkeit von China zu unterstellen. Viel mehr sind chinesische Komponenten nur vor- bzw. nachgelagerte Produktionsschritte von europaweit hergestellten Gütern. Kurzum, strategische Abhängigkeiten sind kein vorwiegend nationales Problem. Wer sich allein auf die deutsch-chinesischen Abhängigkeiten beschränkt, verkennt die geopolitische Dimension des Problems.

Für Politik und Unternehmen wird es noch wichtiger, vielfältige Bezugs- und Absatzmöglichkeiten zu schaffen. Dazu braucht es u.a. eine an strategischen Fragen ausgerichtete EU-Handelspolitik. Durch Handelsabkommen, Rohstoffpartnerschaften, Entwicklungspolitik, Sicherheitsabkommen, Investitionsförderung und Abnahmeverträge müssen belastbare Strukturen geschaffen werden, die es Unternehmen erlauben, auf politische Eskalationen flexibler zu reagieren.

Es ist offensichtlich, dass eine engere Bindung an demokratische Staaten mit weniger Risiken verbunden ist als Verflechtungen mit autoritären Regimen. Folglich ergibt sich die politische Präferenz bei der Wahl von Partnerländern fast von selbst. Dennoch sollten die Erwartungen realistisch bleiben: Nicht alle strategisch relevanten Leistungen lassen sich aus demokratischen Ländern beziehen. Politische Kompromisse sind vermutlich unvermeidbar.

Strategische Abhängigkeiten werden (fast) bedeutungslos, wenn es ausreichende Ausweichmöglichkeiten gibt. Das wird nicht in jedem Fall gelingen. Auch wird es viele Jahre dauern, bis sich eine größere Stabilität der europäischen Wirtschaft bemerkbar macht. Doch die Schritte für mehr wirtschaftliche Resilienz müssen heute eingeleitet werden.

„Das Risikomanagement in den Unternehmen muss sich fortlaufend an veränderte Lagen anpassen. Bei politischen Risiken braucht gerade der Mittelstand die Unterstützung des Staates bei der Risikoanalyse und Transformation.“

Paul Maeser
Referent Research, Industrie- und Wirtschaftspolitik
Bundesverband der Industrie e.V.

(Profilbild: ©Bundesverband der Deutschen Industrie e.V)

Veröffentlicht: 07. Juli 2023

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