MITTELSTAND / WIRTSCHAFTSSTANDORT

Ostdeutschland zwischen Ökologie und Ökonomie — Auf dem richtigen Weg?

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Die ostdeutschen Regionen haben in den drei Jahrzehnten seit 1990 einen rasanten Wandel erlebt. Die Wirtschaft und mit ihr der Standort haben sich neu aufgestellt, stehen jedoch auch heute vor erheblichen Herausforderungen — Stichworte: Internationaler Wettbewerb, Digitalisierung, Klimawandel. Es stellt sich die Frage, wird der „Wirtschaftsstandort Ost“ den heutigen Anforderungen gerecht? Was muss, was sollte sich ändern? Welche Themen bewegen die hiesigen Unternehmen? Was erwartet man von der Politik?

Vor diesem Hintergrund hat der Ostdeutsche Bankenverband mit dem Magazin „Wirtschaft+Markt“ vom 28. Oktober bis 11. November 2019 eine Umfrage unter Führungskräften und Experten aus Unternehmen, Verbänden und Kammern sowie Politik durchgeführt. Zu 97% kamen die Teilnehmer aus den Regionen Ostdeutschlands.

Luft nach oben: Standort bekommt „vollbefriedigend“

Die Wirtschaft in den ostdeutschen Bundesländern wird — bei aller Differenziertheit — stark durch eine kleinteilige Unternehmenslandschaft geprägt. Insbesondere deren Wachstum sollte durch eine Optimierung der Standortfaktoren unterstützt werden. Nach einer Gesamtnote für den Wirtschaftsstandort gefragt, vergab fast die Hälfte der Antwortenden eine 3. Immerhin ein Drittel bewerteten mit einer 2, also dem Prädikat „gut“. In der Komplettbewertung bleibt es damit bei einem „vollbefriedigend“. Der Osten kann also noch besser werden. Zumindest ist die Region auch für niemanden „durchgefallen“. Erfreulich: Mit über 70% stellte die Mehrheit in den vergangenen fünf Jahren eine Verbesserung fest. Die Richtung stimmt also.

Schlechte Stimmung bei Breitbandanbindung, Fachkräfteangebot und Image der Region

In der Wahrnehmung einzelner Rahmenbedingungen fällt das Zeugnis eher durchwachsen aus. Weitgehend zufrieden ist die Mehrheit mit der Förderung und dem Flächenangebot (jeweils Note 2,5). Bei der Infrastruktur besteht zumindest in Hinblick auf den Verkehr wenig Nachholbedarf (2,9). Dramatisch anders stellt sich dies bei der Breitbandanbindung dar, die am schlechtesten von allen Faktoren bewertet wurde (3,9). Ein interessantes Spannungsfeld zeichnet sich bei der Zufriedenheit mit der Politik ab (insgesamt 3,2), hier vergibt etwa ein Drittel die Noten 1 oder 2, fast ein weiteres Drittel die 3. Weitere „Problemfelder“ sind die Fachkräfteverfügbarkeit (3,6) und das Image der Region (3,5).

Fachkräfte, Fachkräfte, Fachkräfte — Der Standort steht und fällt mit den hiesigen Menschen

Alle Strategien, die zur Verbesserung des Arbeitskräftepotentials beitragen, bringen den Standort nach der Einschätzung der Mehrheit voran — sei es durch Bildung, Ausbildung oder Zuwanderung. Eine stärkere Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft steht ebenfalls stark im Fokus. Abgerundet wird das Bild durch die „Klassiker“ (z.B. Bürokratieabbau), wobei die Senkung von Unternehmenssteuern offensichtlich keine hohe Priorität genießt. Bei den möglichen Freitext-Nennungen wurde u.a. die Verbesserung des Images der Region betont— durch allgemeine Maßnahmen, aber auch durch den Kampf gegen Rechtsextremismus und für Weltoffenheit.

Transformation der Wirtschaft: Mehr Agilität nötig

Mittelstand an vielen Fronten gefordert

Den Alltag der Unternehmer prägen vor allem sehr konkrete Fragestellungen. Hohe Priorität genießt unter anderem die Nachfolgethematik. Ebenfalls nimmt die Bürokratie überproportional Raum ein, was gegebenenfalls Ausdruck einer sicher häufigen Beschäftigung mit entsprechenden Prozessen und den dafür notwendigen Ressourcen geschuldet ist. Zugleich wird eingeschätzt, dass Finanzierung und Steuern eine eher untergeordnete Rolle spielen. Gut 40% sehen in der „Transformation des Geschäftsmodells“ einen markanten Fakt in den mittelständischen Unternehmen. Konkreter dürfte sich dies dann auch bei den Themen „Forschung/Innovationen“ und „Nachhaltigkeit/Klimaschutz“ niederschlagen.

Geschäftsstrategie auf dem Prüfstand

Auf die Herausforderungen aus Digitalisierung und dem Streben nach mehr Nachhaltigkeit müssen sich die Unternehmen aktiv einstellen, sofern sie wettbewerbsfähig bleiben wollen. Hierfür halten fast dreiviertel der Antwortenden die Befassung mit der Geschäftsstrategie für zentral. Digitale Dienstleistungen spielen insbesondere in der Kommunikation und für den Marktauftritt eine Rolle. 60% sehen in Apps, Internet und Multikanal-Auftritt einen wichtigen Transformationstreiber. Zugleich verändert sich das Arbeiten in den Unternehmen, etwa hin zu mehr Agilität. Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge oder Blockchain haben sich dagegen (noch) nicht umfangreich entfalten können.

Klimaschutz: Hohe Relevanz, aus der sich auch unternehmerische Chancen ergeben

Dem Thema bescheinigen 60% schon heute eine hohe Bedeutung für den Wirtschaftsstandort, für 80% ist dies in gut 10 Jahren der Fall. Bei den Auswirkungen ist der Blick optimistischer als oftmals vermutet: Immerhin für jeden Vierten erwachsen daraus für die Unternehmen mehrheitlich Chancen und gut die Hälfte sehen überhaupt keine Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze.

Klimaschutz: Weniger Verbote, mehr Anreize

Für mehr Klima- und Umweltschutz ist es notwendig, Bürger und Wirtschaft einzubinden. In Bezug auf den politischen Rahmen wünscht man sich Kooperation und Dialog. Verhaltensveränderungen sollten im Wege von Anreizen und Aktionsplänen stimuliert werden. Konkrete Zielvorgaben oder eine CO2-Bepreisung stehen nicht an vorderster Front. Vereinzelte Stimmen sprachen sich auch gegen Aktionismus aus oder sahen eine Überbewertung des Themas. Die Unternehmen reagieren laut den Antwortenden spürbar auf die Nachhaltigkeits-Diskussion: Jeweils mehr als die Hälfte beobachtet aktive Maßnahmen zur Einsparung von Emissionen oder Rohstoffen. Ein Drittel erlebt die Transformation auch auf der Produktseite.

Fazit des TrendOst

  • Der Osten ist als Wirtschaftsstandort attraktiver geworden — es geht aber noch besser. Die Gesamtnote „vollbefriedigend“ kann keinen zufrieden stellen. Das Hauptproblem: Ausreichend kreative, gut ausgebildete „Köpfe“ finden! Investitionen in Bildung und Forschung, Wissenstransfer, aber auch eine gesteuerte Zuwanderung sind notwendig. Hierfür ist das Image der Region bedeutsam, Weltoffenheit darf nicht nur ein Schlagwort sein. Darüber hinaus sollte Politik ihre Anstrengungen priorisieren: Auf den Breitbandausbau und den Abbau von Bürokratie. Zugleich ist Planungssicherheit ein hohes Gut.
  • Der Mittelstand steht auch hierzulande vor erheblichen Herausforderungen. Die „ökologische Transformation“ ist notwendig und richtig, sollte aber Unternehmen und Bürger mitnehmen. Die Signale der Politik werden sehr wohl gehört. Auch sieht man durchaus wirtschaftliche Chancen, was es zu nutzen gilt. Ein durchdachtes Rahmenwerk sollte auf entsprechende Anreize für mehr Nachhaltigkeit (etwa bei der Förderpolitik) setzen.
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